Tourismusbarometer 2026: Volle Betten reichen nicht mehr

Die Wintersaison 2025/26 war aus Sicht der Nächtigungsstatistik ein Erfolg. Rekordwerte, hohe Auslastung und eine weiterhin starke internationale Nachfrage bestätigen die Attraktivität des Tourismusstandorts Österreich. Trotzdem ist die Stimmung in der Branche schlechter als im Vorjahr.

 

 

Der aktuelle Tourismusbarometer 2026 von Deloitte und ÖHV zeigt eine Entwicklung, die viele Touristiker aus dem betrieblichen Alltag kennen und die wir auch selbst Jahr für Jahr feststellen und im Hotel-Fitness-Check veröffentlichen: Die Häuser sind gut gebucht, die wirtschaftliche Ertragskraft gerät aber zunehmend unter Druck. Der Tourismusindex verschlechtert sich im Tourismusbarometer gar auf 3,2 und erreicht damit den schlechtesten Wert seit 2021.

Die wichtigste (und gar nicht mal so neue) Erkenntnis der Studie lautet deshalb: Volle Betten bedeuten noch lange keine gesunden Bilanzen.

Der Tourismus steht damit vor einer strukturellen Herausforderung. Es geht nicht mehr primär darum, mehr Gäste zu gewinnen. Es geht darum, aus der vorhandenen Nachfrage nachhaltig Wertschöpfung und Gewinn zu generieren.

Nachfrage ist nicht das Problem

Wer nur auf die Nächtigungszahlen blickt, könnte meinen, die Branche sei auf einem guten Weg. Die Wintersaison wurde besser bewertet als im Vorjahr. Die Nachfrage bleibt stabil und Österreich behauptet seine starke Marktposition. Gleichzeitig zeigt der Tourismusbarometer aber ein anderes Bild (und bestätigt damit auch unsere Erhebungen):

  • Fast die Hälfte der Betriebe beurteilt die wirtschaftliche Entwicklung der letzten zwölf Monate negativ.
  • Für die kommenden zwölf Monate erwartet beinahe jeder zweite Betrieb eine weitere Verschlechterung.
  • Kein einziges Hotel-Unternehmen sieht einen deutlichen wirtschaftlichen Lichtblick.

Diese Diskrepanz zwischen operativem Erfolg und wirtschaftlichem Ergebnis ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass klassische Erfolgskennzahlen wie Auslastung oder Nächtigungen allein nicht mehr ausreichen, um die wirtschaftliche Situation eines Betriebs zu beurteilen. Für die Hotellerie wird damit eine Erkenntnis immer wichtiger: RevPAR ohne Profitabilität ist nur eine halbe Wahrheit.

Das eigentliche Problem heißt Margendruck

Besonders spannend ist eine Zahl aus dem Tourismusbarometer: 77 Prozent der Betriebe konnten ihren Umsatz steigern, gleichzeitig entwickelte sich bei fast jedem zweiten Betrieb der Gewinn schlechter als der Umsatz. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung der Branche. Steigende Energiepreise, höhere Personalkosten, Inflation sowie die hohe Steuer- und Abgabenbelastung sorgen dafür, dass ein immer größerer Teil der Erlöse direkt wieder aufgezehrt wird. Die Branche arbeitet mehr, verkauft mehr und erzielt teilweise sogar höhere Preise – verdient aber trotzdem weniger.

Diese Entwicklung verändert die Managementlogik grundlegend. Viele Jahre lang stand Wachstum im Vordergrund, heute wird Ertragsmanagement zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Preisdisziplin, aktives Revenue Management, eine bewusste Steuerung der Vertriebskosten und konsequentes Kostenmanagement gewinnen massiv an Bedeutung. Wer sich weiterhin ausschließlich an Auslastung und Nächtigungszahlen orientiert, läuft Gefahr, wirtschaftlich Substanz zu verlieren. Nicht die höchste Belegung, sondern die beste Ertragskraft wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Haben wir wirklich ein Mitarbeiterproblem?

Der Tourismusbarometer zeigt eine leichte Entspannung am Arbeitsmarkt. Die Verfügbarkeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verbessert sich, gleichzeitig suchen aber weiterhin mehr als 60 Prozent der Betriebe aktiv Personal. Der Fachkräftemangel bleibt damit eine der größten Herausforderungen der Branche, auch wenn sich die Situation kurzfristig etwas entschärft hat.

Interessant ist allerdings eine andere Perspektive. Viele Betriebe dürften nämlich weniger ein Mitarbeiterproblem als vielmehr ein Strukturproblem haben. Häuser, die stark von einzelnen Personen abhängig sind, keine klar definierten Prozesse besitzen und in denen sämtliche Entscheidungen über den Eigentümer laufen, verlieren nicht nur Effizienz, sondern oft auch Mitarbeiter. Der Fachkräftemangel ist real, gleichzeitig werden Organisation, Führung und professionell strukturierte Abläufe künftig noch stärker über den Erfolg eines Betriebes entscheiden.

Investitionen werden selektiver

Der Investitionswille ist grundsätzlich vorhanden, wird aber deutlich vorsichtiger umgesetzt. Vier von zehn Unternehmen reduzieren ihre ursprünglichen Investitionspläne und wägen Investitionen genauer ab als noch vor wenigen Jahren. Wer dennoch investiert, konzentriert sich vor allem auf jene Bereiche, die langfristig Wettbewerbsvorteile schaffen: Qualitätssteigerung, Energieeffizienz und Digitalisierung.

Diese Prioritäten sind kein Zufall. Sie versprechen entweder eine höhere Zahlungsbereitschaft der Gäste oder eine Verbesserung der Produktivität und damit der Ertragskraft. Besonders die zunehmende Bedeutung digitaler Lösungen ist bemerkenswert. Revenue Management Systeme, Prozessautomatisierung, die digitale Gästereise und der Einsatz künstlicher Intelligenz sind längst keine Zukunftsthemen mehr, sondern entwickeln sich immer stärker zu wirtschaftlichen Notwendigkeiten für erfolgreiche Tourismusbetriebe.

Transformation ist keine Option mehr

Der vielleicht wichtigste Teil des Tourismusbarometers beschäftigt sich mit der Transformation der Branche. Mehr als zwei Drittel der Betriebe haben ihr Geschäftsmodell bereits verändert oder planen entsprechende Schritte. Die wichtigsten Treiber sind:

  • steigender Kostendruck,
  • veränderte Gästebedürfnisse,
  • Klimawandel,
  • saisonale Verschiebungen,
  • sinkende Nebenausgaben.

Gerade der Rückgang der Nebenkonsumation sollte aufmerksam beobachtet werden. Viele Gäste gönnen sich zwar weiterhin den Urlaub, sparen aber vor Ort bei Gastronomie, Wellness oder Zusatzleistungen. Dadurch gerät das traditionelle Erlösmodell vieler Hotels zunehmend unter Druck, weil ein wachsender Teil der Wertschöpfung nicht mehr selbstverständlich erzielt werden kann.

Für die Betriebe bedeutet das, dass es nicht mehr ausreicht, Zusatzangebote einfach vorzuhalten. Sie müssen einen klaren Mehrwert bieten und aktiv verkauft werden. Gleichzeitig gewinnen wetterunabhängige Angebote, Ganzjahreskonzepte und eine klare Positionierung weiter an Bedeutung. Transformation bedeutet dabei nicht nur Digitalisierung, sondern die kontinuierliche Anpassung des eigenen Geschäftsmodells an veränderte Marktbedingungen und Gästebedürfnisse.

Was bedeutet die Ergebnisse im Tourismusbarometer für die Hotellerie?

Aus meiner Sicht lassen sich aus dem Tourismusbarometer fünf zentrale Handlungsempfehlungen ableiten.

  1. Profit Management vor Mengenwachstum: Auslastung allein darf nicht mehr das wichtigste Ziel sein. Entscheidend ist, welcher Deckungsbeitrag tatsächlich erwirtschaftet wird.
  2. Positionierung schärfen: Je klarer die Zielgruppe definiert ist, desto einfacher wird die Preisdurchsetzung. Austauschbare Angebote geraten stärker unter Druck.
  3. Digitalisierung wirtschaftlich denken: Digitale Lösungen müssen nicht Selbstzweck sein. Sie sollen Kosten senken, Prozesse vereinfachen und Erträge verbessern.
  4. Ganzjahresfähigkeit ausbauen: Klimawandel und saisonale Verschiebungen verändern die Nachfrage. Schulter- und Nebensaisonen werden strategisch wichtiger.
  5. Den Betrieb systematisieren: Ein Unternehmen darf nicht ausschließlich im Kopf des Eigentümers existieren. Klare Prozesse, Verantwortlichkeiten und Kennzahlen erhöhen die Produktivität und erleichtern Mitarbeiterführung sowie Betriebsübergaben.

Politik ist ebenfalls gefordert

Die Studie zeigt deutlich, dass viele Herausforderungen nicht ausschließlich auf betrieblicher Ebene gelöst werden können. Hohe Lohnnebenkosten, steigende Energiepreise und zunehmende Bürokratie belasten die Wettbewerbsfähigkeit der Branche spürbar. Soll der Tourismus auch künftig einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren Österreichs bleiben, braucht es stabile und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Förderungen für Digitalisierung, Energieeffizienz und Qualitätsverbesserung sind daher keine reine Wirtschaftsförderung, sondern gezielte Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Standorts Österreich.

Fazit zum Tourismusbarometer

Der Tourismusbarometer 2026 beschreibt keine kurzfristige Krise, sondern einen strukturellen Wandel. Die österreichische Hotellerie hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie Gäste gewinnen und auch in herausfordernden Zeiten eine starke Nachfrage erzeugen kann. Die entscheidende Frage lautet nun aber, wie es gelingt, aus dieser Nachfrage auch nachhaltige Erträge zu erzielen.

Wer jetzt konsequent auf Profit Management, Digitalisierung, Energieeffizienz, eine klare Positionierung und professionelle Betriebsstrukturen setzt, wird sich in den kommenden Jahren entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern. Die Hoffnung auf eine Rückkehr zum alten Normal wird dafür nicht ausreichen, denn die Rahmenbedingungen haben sich nachhaltig verändert.

Der Tourismus der Zukunft wird deshalb nicht von jenen Betrieben gewonnen, die die meisten Gäste zählen. Erfolgreich werden jene sein, die ihre Geschäftsmodelle am besten steuern, ihre Ertragskraft aktiv entwickeln und den Wandel als Chance zur Weiterentwicklung ihres Unternehmens verstehen.

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