Tourismus-Ausblick 2022

Zahlreiche Betriebe sind bereits wirtschaftlich bereits schwer angeschlagen. Vor allem da in den in den beiden letzten Jahren vielen Eigenkapital verbrannt wurde. Um auch künftig mithalten zu können, braucht es neue Ideen und Anpassungen, vom Angebot bis zur Betriebsführung. Es gilt, frühzeitig kommende Themenfelder zu erkennen, um mögliche negative Folgen abzufangen.

Im Ausblick auf das Jahr 2022 werden 12 Trendfelder skizziert, die uns nachhaltig beschäftigen werden.

Mitarbeiter

Aufgrund der prekären Mitarbeitersituation steuert die Branche auf ein sehr kritisches Jahr 2022 zu. Eines steht in Bezug auf die zukünftige Dienstleistungsqualität in der Hotellerie fest: Auf die stattfindende Branchenflucht der Mitarbeiter muss dringendst reagiert werden. Der Fachkräftemangel ist kein neues Thema, er hat sich durch Corona aber nochmals zugespitzt. Zusätzliche Effekte, wie beinahe zwei fehlende Lehrlings-Jahrgänge und das Wissen um ein soziales Auffangnetz, habe viele Dienstnehmer dazu bewogen, auf andere Branchen auszuweichen.

  • Mitarbeiter im Tourismus müssen mit Ihrer Arbeitsleistung oftmals die ausbleibende Rekrutierung anderer Kollegen auffangen. Kompensieren kann man Mitarbeitermangel und steigende Kosten nur durch höhere Preise plus Digitalisierung und Automatisierung. Das haben kleine wie große Hotels in der Tat inzwischen verstanden.
  • Kapazitätseinbußen durch den drastischen Mitarbeitermangel verursachen Cash-Flow Probleme. Daher sollte es ein steuerfreies Bedienungsgeld von 5% für die Tourismusbeschäftigten geben. Dienstleistung wird in Zukunft um einiges mehr kosten. Daran werden sich die Gäste gewöhnen müssen.

Nachhaltigkeit

Die Globalisierung war für den Tourismus ein Wertschöpfungsturbo. Aber es ist zu befürchten, dass wir die Anfälligkeit dieses Motors jahrelang unterschätzt haben. Das weltweit aktive Corona-Virus führt uns dies drastisch vor Augen. Die Pandemie ist (auch) eine Konsequenz der Art und Weise, wie wir konsumieren bzw. es uns ermöglichen, so wie bisher zu konsumieren. Sie ist eine direkte Folge der absolut unsinnigen Idee, dass eine Wirtschaft immer und immer weiter wachsen kann und soll.

Wir haben die vielen komplexen Probleme, die wir unter „Klimakatastrophe“ verstehen, noch vor uns – angefangen von steigenden Temperaturen und wiederkehrendem Schneemangel über Natur- und Flüchtlingskatastrophen bis zu all den Dingen, über die wir eh schon immer sprechen und lesen. Insofern würde es mich wundern, wenn wir uns in zehn oder zwanzig Jahren an Corona noch als ein epochales Ereignis erinnerten. Auch wenn diese Phase für uns alle, glaube ich, jetzt sehr wichtig war, weil sie essenzielle Dinge aufgezeigt hat.

Zum Beispiel bedarf es einer profunden Veränderung der touristischen Produkte. Andernfalls wird die angestrebte positive Veränderung („positive change“) nicht zu verwirklichen sein. Und eine wahrhafte Veränderung wiederum kann nur geschehen, wenn der Antrieb dazu von den Menschen freiwillig kommt, wenn sich von selbst eine gewisse Freude entwickelt, längst angesagte Nachhaltigkeits-„To-Dos“ nicht nur zur befolgen, sondern sie auch als Selbstverständlichkeit im täglichen Leben zu praktizieren. Wenn es auf gut Deutsch den Menschen aus sich heraus am Herzen liegt, dass die „Sustainability“ kein Werbeschmäh bleibt. Oder mit anderen Worten: Nachhaltigkeit ist nicht das Ziel, sondern ein permanenter Weg!

Urbanisierung

2050 werden 70% der Weltbevölkerung in Städten und Ballungsgebieten leben. Der Anteil der Bevölkerung im ländlichen Raum geht entsprechend zurück. Insbesondere in den Großstädten, doch auch in kleineren urbanen Zentren, nimmt die Naturentfremdung zu. Das birgt für Feriendestinationen viele Chancen, aber auch Herausforderungen. Wie spreche ich die künftigen Gäste an? Auch das Mobilitätsverhalten ändert sich, wenn Carsharing sich breitmacht und Jugendliche keinen Führerschein mehr brauchen. Es bedarf hier tiefgreifender Mobilitätskonzepte in den Destinationen.

Best Ager im Hotelangebot

Aufgrund der Demografie und guter Renten wird es immer mehr zahlungskräftige Ältere geben, die einen 20 Jahre jüngeren Lebensstil pflegen und auch so angesprochen werden wollen. Eben nicht als Senioren, sondern als offene, kreative Menschen, die zwar an ihre Gesundheit denken (müssen), aber sonst das Leben bewusst genießen wollen. Wenn die reiseerfahrensten Menschen, die Babyboomer, in Pensionen gehen, dann ist das „Alter“ nicht mehr so wichtig. Die Vorstellung vom Alter wandelt sich und in Zukunft wird es vermehrt sogenannte „Best Ager Residenzen“ geben, wo Pflege und Betreuung vorhanden sind, aber versteckt angeboten werden.

Alternative Beherbergungsformen

Verschiedene alternative Beherbergungsformen gewinnen weiter an Bedeutung, auch aufgrund von Social Distancing! Dazu zählen Serviced Apartments, Chalets und Airbnb. Insbesondere naturnahe Beherbergungskonzepte werden gesucht: Tiny Houses, Almhütten, Baumhäuser, Glamping-Konzepte sowie Treehouse-Hotels.

Die Natur hereinholen

Das Thema „Wald und Natur“ gewinnt an Bedeutung, vor allem in Zeiten, in denen man Menschenansammlungen ausweichen und der Stadt entfliehen möchte. Es ist erwiesen, dass sich Bewegung im Wald und in der Natur positiv auf Herz, Immunsystem und Psyche auswirken, ebenso der entspannende Blick in die Natur. Dieser Blick stillt die Sehnsucht nach Entschleunigung und nach natürlichen Geräuschen, die man vor allem im urbanen Raum schon lange nicht mehr gehört hat. Es hat sich eben viel getan in unserem Bewusstsein. Beherbergungsbetrieben eröffnen sich dadurch neue Chancen in der Angebotsgestaltung, vor allem hinsichtlich der Architektur und der Konzepte.

Flächeneffizienz

Die Baukosten sind in den letzten zwei Jahren um 16% gestiegen. Wir erwarten eine Konsolidierung, aber das Geheimnis liegt in einer konsequenten Flächenplanung, vor allem in den öffentlichen Bereichen. Die Gesamtfläche (BGF) pro Zimmereinheit (4 Sterne) sollte 80 m² nicht überschreiten. Während in städtischen Lagen die Hotelzimmer kleiner, stylischer und effizienter gebaut werden, sollten die Einheiten in der Ferienhotellerie künftig nicht größer werden, da die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Weiters müssen Flächen auch mit Dienstleistung bespielt werden, und das ist unter dem Gesichtspunkt des Mitarbeitermangels oft gar nicht mehr möglich.

Faktum ist auch, dass sich pro m² bei großen Einheiten nicht so viel Geld verdienen lässt wie mit effizient optimierten Einheiten. Andere Bereiche wie Kreuzfahrten, Luftfahrt oder Yachten setzen das Prinzip der Flächeneffizienz seit Jahrzehnten gezielt ein, um den Umsatz zu maximieren.

Für long-stay Produkte (z.B. Serviced Apartments) werden ebenfalls kreative Lösungen zur Verbesserung der Flächeneffizienz entwickelt. Beispiele hierfür sind die Marken Zoku und Stay KooooK, in deren Apartments man mittels Schiebeelementen ganze Möbelstücke „verschwinden“ lassen kann.

Doch nicht nur die front-of-house Bereiche werden effizienter gestaltet, auch die Verwaltungs- und Lagerbereiche (back-of-house) werden bei Neubauten so platzsparend wie möglich geplant.

Sharing Dinner ersetzt langweilige Halbpension

In der Hotel-Gastronomie stellt sich der Trend des Food-Sharings oder Family-Style-Dinners ein und ersetzt langsam aber sicher die klassische Halbpension mit vier Gängen. Dahinter steht die Idee, durch das Angebot vieler unterschiedlicher Gerichte in kleinen Portionen (die gleichzeitig serviert werden) ein neues Genusserlebnis zu schaffen. Dies ist das Konzept von urbanen Restaurants wie das Neni am Prater oder des SevenNorth oder Stellas in Wien. Die Gestaltung der Gasträume zeichnet sich bei solchen Konzeptionen vor allem durch größere Tische (6 bis 12 Plätze) aus. In der Ferienhotel-Gastronomie gibt es auch erste Ansätze wie das „Luke’s Wohnzimmer“ im Hotel Sendlhofer‘s in Bad Hofgastein.

Gäste-Ausblick

Der Winter 21/22 wird wieder zur großen Herausforderung. Durch die volatile Situation mit Omikron kann der Reiseverkehr in Europa jederzeit wieder zum Erliegen kommen. Der internationale Reiseverkehr verharrt weiterhin auf sehr niedrigem Niveau.

Die Stadthotellerie in der Bundeshauptstadt und in den Landehauptstädten wird sich erst 2024 erholen. B-Städte (Kufstein, St. Pölten, Feldkirch etc.) erholen sich schneller als A-Städte. Das Aufkommen internationaler Gäste bleibt aber auch hier reduziert. Feriendestinationen mit einem hohen Binnentourismus werden im Sommer 2022 eine ähnliche Buchungslage wie 2020 bzw. 2021 haben.

Die Reisegewohnheiten der Post-Corona Gesellschaft

Die radikale Störung durch die vier Lockdowns hat die gesellschaftlichen Routinen nicht evolutionär verändert, sondern eher disruptiv unterbrochen. Die Reisebedürfnisse haben sich nicht grundlegend verändert:

  • Stillstand der Hamsterräder hat zu keinem Systemzusammenbruch geführt
  • Rückkehr zum alten Normalmodus bewirkt auch keine gravierenden Änderungen im Reiseverhalten
  • Aufbau eines zusätzlichen Stabilisierungsmodus (staatliches Auffangnetz) hat zur Sicherheit beigetragen und das zukünftige Urlaubsbudget nicht geschmälert
  • Routinen und Strukturen wurden zwar 2020/21 grundlegend in Frage gestellt, aber die Beschleunigungsmaschine wurde wieder in Gang gesetzt.

Geändertes Geschäftsreiseverhalten und hybride Events

Definitiv geändert hat sich das Geschäftsreiseverhalten: Man wird nicht mehr zu jeder Vertragsunterschrift und zu jedem Treffen in das Flugzeug steigen. Wir haben gelernt, mit digitalen Tools umzugehen und vieles wird sich daher auch weiterhin virtuell abspielen. Dies betrifft vor allem die kleineren Meetings. Klassische Konferenz- und Businesshotels müssen ihr vertrautes Geschäftsmodell überdenken und mitunter auf hybride Lösungen setzen.

Bei Live-Events werden nachhaltige Sicherheits- und Hygienekonzepte gefragt sein. Tagungshotels müssen daher neue Strategien und technologische Lösungen anwenden, um sicherere und hygienische Meetings zu ermöglichen. Hybride Events sind gekommen, um zu bleiben!

„Über-Digitalisierung“ und der Weg zurück zur Analogität

Der Markt für Reisen wird dynamischer und komplexer. Gäste verhalten sich zunehmend unberechenbar, obwohl (oder gerade weil) die Reiseplanung so einfach ist wie noch nie. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und disruptive Modelle wie Airbnb haben das Urlaubsverhalten bereits massiv verändert.

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) wird zunehmen. Allerdings muss KI in Zukunft  nicht nur Sehnsüchte wecken, sondern vielmehr auch die individuellen Beziehungen und Handlungen des Gastes zum jeweiligen Hotel berücksichtigen.

Die Digitalisierung und die ständigen Diskussionen rund um Datensammlung, Tracking und künstliche Intelligenz führen bei vielen Leuten zu Reizüberflutung und Stress. Diese Entwicklung erreicht heute schon einen Sättigungspunkt, an dem entgegengesetzte Tendenzen spürbar werden.

Menschen haben sich sehr oft in der Digitalisierungswelt verlaufen, der Tourismus kann eine neue Offline Oase werden. Für einen souveränen Umgang mit der Technik kann es helfen, vorübergehend Abstand zu nehmen. Denn neben dem Suchtpotential birgt die Nutzung von digitalen Medien die Gefahr, eine Stressquelle zu werden. Der vorübergehende Verzicht auf  Verfügbar- und Erreichbarkeit wird zu einem neuen Wunsch. „Digital Detox“ steht für einen bewussteren Umgang mit dem Smartphone und anderen mit dem Internet verbundenen Geräten. In Urlaub und Freizeit, wo Erholung und Entspannung ganz groß im Vordergrund stehen, kann dies zur Grundlage attraktiver Angebote werden.

Ausblick auf weitere Themen und Beobachtungen

  • Kreuzfahrer werden zu Thermenbesuchern
  • OTAs profitieren
  • Sommerfrische immer beliebter

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