Wie Best Ager den Markt verändern

Vor kurzem stand der neue Prodinger-Trendreport „Best Ager“ im Fokus des Podcasts.

Eine der Autorinnen und großartige Unterstützerin des Reports, Uta Gruenberger, spricht im aktuellen Interview über ihre Eindrücke und Gedanken rund ums „Älter-werden“ im Allgemeinen und um die neue Zielgruppe im Speziellen.

Wer diesem Podcast regelmäßig folgt, wird sich sicher an diesen Namen erinnern, denn Uta war bereits vor anderthalb Jahren hier. Unter dem Motto „Grüner wirds nicht“ sprachen wir über Naturhotels. Uta Gruenberger hatte die Erstellung unseres Trendreports mit Interviews und Recherchearbeiten unterstützt. Und so ist es auch jetzt wieder. Thema sind diesmal die Best Ager als neue Zielgruppe. Uta führte wieder zahlreiche Interviews und gab uns wertvollen Input.

 

 

Kernaussagen des Interviews

  • Man kann nicht alle 60+ People über einen Kamm scheren. Typisch für viele Best Ager ist, dass sie über ihr Alter, das schwarz auf weiß auf dem Papier steht, sehr erstaunt sind, weil sie sich überhaupt nicht alt fühlen.
  • Neue Modell sind eine Art Serviced Co-Living für den 3. Lebensabschnitt. Daraus ergibt sich, dass diese Art von Wohn- und Beherbergungskonzepten auch für Hoteliers interessant sein könnten. Pflege wird dabei auf Abruf bereitgestellt, das heißt, dass Kosten nur entstehen, wenn sie benötigt werden.
  • Oft fehlt es noch an Verständnis für die ältere Generation.
  • Es gilt zu berücksichtigen, dass die Schere zwischen der jungen Generation, die uns in Zukunft versorgen soll und den alten Konzepten nicht zu weit auseinandergeht.
  • „Während des Recherchierens habe ich geprüft, welche konkreten Projekte und Bauvorhaben es gibt, die für 50- und 60-Jährigen interessant sind und nicht erst für die 70-Jährigen. Ich war erstaunt, dass tatsächlich noch keine Baukonzepte realisiert werden.“
  • Was macht man dann mit einem Hotel, das in harter, jahrelanger Arbeit aufgebaut wurde und von der Rentabilität her auf einen Familienbetrieb ausgerichtet wurde? Dieses Thema steht Zurzeit bei vielen Hotels an.
  • Wir müssen danach fragen, wie wir unser touristisches Dorfbild mit einem Upcycling vereinbaren, um es für die Best Ager attraktiv zu machen. Daraus lassen sich passende Modelle entwickeln.
  • Es gibt Platz genug für neue Konzepte und Ideen und spannende Produktlinien. Innerhalb der Best Ager sind nicht alle gleich, was bedeutet, dass sich weitere Zielgruppen eingrenzen lassen. Die Spielwiese ist groß, wir müssen sie lediglich bespielen.

Transkript der Best Ager Podcast-Folge

Marco: Hallo Uta, herzlich willkommen im Smart Hotel Key Podcast. Ich freue mich sehr darüber, dass du heute wieder bei mir bist. Es ist schon einige Zeit her, dass wir miteinander gesprochen haben. Im Intro habe ich unser heutiges Thema bereits kurz vorgestellt. Den erwähnten Podcast über die Naturhotels und zum Motto „Grüner wirds nicht“ werde ich in den Show Notes verlinken, damit ihr euch die Ausgabe im Nachhinein anhören könnt. Liebe Uta, bitte stell dich unseren Hörerinnen und Hörern noch einmal kurz vor. Wer bist du, und womit beschäftigst du dich tagtäglich?   #00:01:45-0#

Uta: Hallo Marco, auch ich freue mich darüber, dass wir wieder zusammengekommen sind. Ich bin Journalistin, Werbe- und Medienfrau und beschäftige mich mit Branding und Filmen. Bereits zum zweiten Mal durfte ich an eurem Trendreport mitarbeiten, indem ich Interviews, Marktbefragungen und Recherchen zum Thema „Best Ager“ durchgeführt habe. Ich wollte vor allem wissen, ob es bereits ein Best Ager Movement gibt und ob diese Gruppe thematisiert wird. Dazu habe ich Menschen aus verschiedenen Bereichen befragt.  #00:02:41-9#

Marco: Wie würdest du einen Best Ager definieren?  #00:02:51-5#

Uta: Über diese Frage haben wir lange diskutiert. Ich fühlte mich persönlich angesprochen, denn ich bin selbst gerade 60 Jahre alt geworden. Bitte sag jetzt nicht, dass man mir das nicht ansieht, denn wir sprechen gerade ohne Kamera (lacht). Typisch für viele Best Ager ist, dass sie über ihr Alter, das schwarz auf weiß auf dem Papier steht, sehr erstaunt sind, weil sie sich überhaupt nicht alt fühlen. Das mag sich amüsant anhören, ist aber ein wesentliches Merkmal für diese Gruppe. Aber es gibt eine große Bandbreite an Best Agern, und man kann nicht alle 60+ People über einen Kamm scheren.

Es gibt diejenigen, die sich 40 Jahre lang in Berufen aufgearbeitet haben, mit der Aussicht, kurz nach 60 in Rente gehen und das Leben genießen zu dürfen. Dann gibt es andere, die nur eine kleine Rente erhalten und weiter berufstätig sein müssen. Die haben oft ein Problem mit der Zahl 60.  #00:04:28-1#

Im Interview mit dem Fitnessexperten Gottfried Wurpes hat sich gezeigt, dass es einen Unterschied macht, ob man zeitlebens viel Sport getrieben hat oder nicht und womöglich gesundheitlich besser dasteht. Ich selbst habe im Alter zwischen 20 und 30 so viel Hochleistungssport getrieben, dass ich heute geradezu super fit bin, weil mir mein Körper weniger Schmerzen bereitet als damals, als er ständig überlastet war.  #00:04:56-4#

Dann gibt es die so genannten Sofa-Sportler, die man jetzt motivieren müsste, damit nicht das eintritt, was viele befürchten, nämlich, dass sie in Zukunft pflegebedürftig werden. Ein interessantes Projekt sind die Wohnformen so.me Homes von Thomas Bauer, eine neuartige Form des Zusammenlebens von Menschen über 60.

Marco: Die „neuen Alten“, die Babyboomer, die demnächst in Pension gehen, sind um einiges fitter als die Vorgängergenerationen. Das trifft natürlich nicht auf alle zu, aber auf sehr viele von ihnen. Auf dieser Basis hat sich der Begriff „Best Ager“ etabliert. Du hast erwähnt, dass die Interviews, die du für den Trendreport geführt hast, spannende Ergebnisse geliefert haben. Lass uns auf die wichtigsten Outtakes eingehen. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich sehr gerne bei uns melden und den Trendreport bestellen. Du hast Tom Bauer und sein Konzept der So.me Homes angesprochen. Bisher gibt es nur wenige touristische Angebote, die sich konkret an Best Ager richten. Oft handelt es sich um Mischprodukte, so wie in dem Fall von so.me Homes, bei dem es um Wohnkonzepte geht. Was ist das Spannende an diesem Modell, und was hast du aus dem Gespräch mit Thomas Bauer mitgenommen?  #00:06:30-8#

Uta: Thomas Bauer ist ein sehr arrivierter und vor allen Dingen wahnsinnig engagierter und professioneller Hotelier. Er kommt aus der Gruppe „Leading Hotels of the World“, einer Hotelallianz, zu der Marken wie Marriott und Interconti gehören. Thomas Bauer verfügt über eine starke internationale Expertise im Bereich Hospitality. Er ist ein Freigeist, der rund um den Globus gelebt hat. Während einer Erkrankung seines Vaters hat er sich sehr persönlich engagiert. Er machte sich Gedanken darüber, welche Maßnahmen nötig wären, damit ältere und pflegebedürftige Menschen ein gutes Leben in der Gemeinschaft führen können. Sein Motto lautet, Happiness zu schaffen, und dieses Motto strahlt er auch aus. Die Menschen sollen Lust darauf haben, ein schönes Leben zu führen.  #00:07:36-4#

Marco: Das Wort „Happiness“ passt wirklich sehr gut zu seiner Erscheinung.  #00:07:41-8#

Uta: Genau, und weil es so gut passt, haben wir sein Motto als Headline in unser Magazin übernommen. Er verwendet außerdem den Slogan „so.me Homes – it’s so me“. Das spricht die Generation 60+ an, die hoffentlich auf viele glückliche Jahre zusteuern. Thomas Bauer hat eine große Marktstudie durchgeführt. Er hat 2.500 Menschen im Alter von Anfang 50 bis Ende 60 befragt. Von den Jüngeren wollte er wissen, ob sie sich bereits Gedanken darüber machen, wie sie in zehn Jahren leben wollen. Wie erwartet, schwebten die Vorstellungen, wie sie mit Ende 60 leben möchten, total in der Luft. Jeder ist völlig davon überzeugt, dass er nicht in eine herkömmliche Seniorenresidenz oder in ein Altersheim einziehen will. Da besucht man die Eltern, aber man selbst sieht sich nicht in einer solchen Einrichtung. Abgesehen davon werden es sich auch nur noch wenige leisten können.  #00:08:52-4#

Marco: Es braucht neue Konzepte, und die hat sich Thomas Bauer als Aufgabe gestellt.  #00:08:54-5#

Uta: Thomas Bauer hat auf Basis einer Marktstudie ein ausgefeiltes Konzept entwickelt, das bis ins kleinste Detail durchdacht ist, vom Concierge über die Zimmerausstattung bis hin zu skalierten Verträgen mit Pflegeeinrichtungen und Versicherungen. Dabei geht es um Häuser mit meist 80 Wohnungen, aber auch um ganze Komplexe von Gebäuden, die zusammengelegt werden. Das Modell ist eine Art Serviced Co-Living für den 3. Lebensabschnitt. Daraus ergibt sich, dass diese Art von Wohnkonzepten auch für Hoteliers interessant sein könnten.  #00:09:33-3#

Pflege wird auf Abruf bereitgestellt, das heißt, dass Kosten nur entstehen, wenn sie benötigt werden. Das senkt die Mietpreise. Das Projekt basiert auf Vermietung, also nicht auf dem Erwerb von Eigentumswohnungen. Partner von So.me Homes ist die Soravia Gruppe. So.me Homes ist quasi ein Start-up. Thomas Bauer ist jedoch absolut frei von irgendwelchen Interessen von Soravia, er forscht unabhängig und baut sein Konzept weiter aus. Er ist nicht auf Soravia angewiesen und kann seine Ideen mit wem auch immer verwirklichen. Auch andere Unternehmen können sich beteiligen.  #00:10:21-9#

Marco: Man muss nicht in eine Pflegeeinrichtung oder in eine Seniorenresidenz ziehen, sondern man lebt selbstbestimmt in einer Community Gleichgesinnter, und wenn man Pflege benötigt, kann man sie individuell hinzubuchen. Dieses Modell ist neu und sehr attraktiv. 50-Jährige denken oft noch nicht darüber nach, wo sie im Alter wohnen wollen. Sie wissen nur, was sie nicht wollen.  #00:10:51-9#

Uta: Genau.  #00:10:51-0#

Marco: Diese Aussage habe ich auch von Samantha Riepl gehört, die sich auf Markt- und Standortanalysen sowie die Begleitung der Planungsberatung und Konzeption von Seniorenwohnprojekten spezialisiert hat. Sie wies darauf hin, dass es wichtig ist, direkt vor Ort eine gezielte Kommunikation und Koordination bereitzustellen. Was ist damit gemeint, und welche Eindrücke hast du aus dem Gespräch mit Samantha Riepel mitgenommen?  #00:11:10-2#

Uta: Ich fand das Gespräch mit ihr insofern bemerkenswert, weil Samantha Riepl erst Mitte 30 und somit noch weit von den 50 entfernt ist. Sie ist eine patente und beeindruckende Frau, die sich in einer Szene bewegt, die von Männern dominiert wird. Samantha Riepl ist bei ihren Großeltern aufgewachsen und verfügt über eine persönliche und profunde Expertise. Schon als Kind und Jugendliche hat sie bis ins allerkleinste Detail mitbekommen, wie sich der Alltag verändert, wenn man älter wird. Sie wies darauf hin, dass es viele barrierearme und behindertengerechte Wohnmöglichkeiten für Ältere ab 70 gibt, aber dass es an Konzepten für die Best Ager ab 50 fehlt. Sie erwähnte auch die fehlenden staatlichen Regularien und den Mangel an Fachleuten für den Einsatz in geeigneten Wohncommunitys, die sich um die Koordination und die Kommunikation von frisch eingezogenen Senioren kümmern. Es gibt einen riesigen Bedarf, das ganze Thema aufzurollen.  #00:12:41-1#

Marco: Die fehlenden politischen Rahmenbedingungen sowie eine gute Kommunikation waren in den Interviews immer wieder ein wichtiger Punkt. Oft fehlt es auch an Verständnis für die ältere Generation. Das Ehepaar Veit und Andrea Lindau sprechen sogar von einem Generationenkonflikt, den wir untersuchen sollten. Wir müssen die Erfahrungen älterer Menschen nutzen, denn sie sind kostbare Schätze. Wie können wir sicherstellen, dass diese Erfahrungen nicht verloren gehen, und in welcher Art und Weise können wir sie in eine Konzeption aufnehmen? Andrea und Veit Lindau sind davon überzeugt, dass Community-Building nur generationsübergreifend funktionieren kann.  #00:13:48-2#

Uta: Absolut. Andrea und Veit haben in Deutschland kurz vor dem Ausbruch von Covid eine große Bildungsplattform namens Homodea.com gegründet. In ihren Einzelcoachings haben sie festgestellt, dass Menschen im Alter von 50+ oft in Krisen geraten, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Die klassischen Familienkonstrukte fallen auseinander, und man fragt sich, was man im Leben überhaupt noch erreichen will und welchen Sinn die Beschäftigungen haben, denen man nachgeht. Meist sind diese Älteren noch fit, getreu dem Motto von Udo Jürgens: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Viele talentierte Frauen saßen mehrere Jahrzehnte lang zu Hause bei den Kindern, auch wenn diese Zahl inzwischen stark zurückgegangen ist. Unter diesen Frauen gibt es viele, die gut im Netzwerken sind und die man jetzt motivieren sollte, hervorzukommen und etwas zu tun, was sie glücklich macht. Sie verfügen über einen großen Erfahrungsschatz, von dem die Jungen profitieren können. Sie sollten sich zum Netzwerker und Kommunikator machen.

Auf der anderen Seite gilt es zu berücksichtigen, dass die Schere zwischen der jungen Generation, die uns in Zukunft versorgen soll und den alten Konzepten nicht zu weit auseinandergeht. Wir müssen für die jungen Leute attraktiv bleiben, damit sie Lust haben, sich mit uns auseinanderzusetzen. Sie sollten sich nicht nur in der Rolle des Versorgers sehen, sondern ein Interesse daran entwickeln, Modelle für ein gemeinsames Miteinander zu entwickeln. Ältere und Jüngere sollten voneinander profitieren, damit eine Spaltung und ein Auseinanderdividieren verhindert wird. Ein gutes Beispiel sind die Klimaaktivisten, die sich auf die Straße kleben, und auf der anderen Seite die arrivierte Generation, die über die Ziele dieser Menschen den Kopf schüttelt. Man muss auch anerkennen, dass die Babyboomer eine Verantwortung für die Probleme tragen, die heute auf diesem Planeten existieren.   #00:16:40-3#

Marco: Ich bin davon überzeugt, dass es zu den wichtigsten Voraussetzungen gehört, Verständnis füreinander zu schaffen und den Austausch zu fördern. Man muss sich lediglich in den eigenen Kreisen umschauen. Sehr oft bewegt man sich in einer Blase, die sich anderen Generationen nicht öffnet. Man kapselt sich ab von Wissen und Erfahrung. Das zu durchbrechen, ist ein essenzielles Ziel für die Zukunft.  #00:17:11-7#

Uta: Während des Recherchierens habe ich geprüft, welche konkreten Projekte und Bauvorhaben es gibt, die für 50- und 60-Jährigen interessant sind und nicht erst für die 70-Jährigen. Ich war erstaunt, dass tatsächlich noch keine Baukonzepte realisiert werden. Da kann ich nur sagen: Auf, auf, aber ganz schnell! Wir müssen prüfen, wie wir mit den Jungen auf einen Nenner kommen, so dass wir alle Lust darauf bekommen, den Planeten mit seinen Problemen gemeinsam anzupacken. Das war mein großes Resümee.  #00:17:53-8#

Marco: Mit deinen Interviews warst du sehr tief in der Materie drin, aber allein vom Lesen und vom Fazit her war das auch für mich ein Aha-Erlebnis. Wir alle müssen persönlich noch viel offener werden. Ein Punkt, den du bereits angesprochen hast, ist die Gesundheit beziehungsweise die Fitness im Alter. Das ist das Kernthema von Gottfried Wurpes. „Niemand will alt sein, aber jeder will alt werden“. Körperliche und geistige Fitness stehen in unmittelbarem Zusammenhang, und der Wunsch, fit zu bleiben, ist heute präsenter denn je.  #00:18:42-0#

Uta: Ja, da hat sich vieles getan. Gottfried Wurpes ist ein gutes Beispiel dafür. Er ist Vertriebsleiter des Techno Gym in Linz, zuständig für Österreich und für die Tschechische Republik, außerdem Gründer von „The Fitness Company“ und seit 25 Jahren als Techno Gym Markenbotschafter in Österreich unterwegs. Seine Geschichte zeigt, dass sich in den letzten 30 Jahren enorm viel getan hat. Aber auch auf diesem Gebiet fallen die beiden angesprochenen Gruppen extrem auseinander. Es gibt diejenigen, die Lust auf Fitness haben, auf einen Körper, der noch lange hält und mit dem man noch etwas anfangen kann. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die man von Grund auf motivieren müsste.  #00:19:40-3#

In unserer Hotelwelt sind wir oft von der Wirklichkeit entfernt, denn die Touristen, die ein Wellnesshotels buchen, sind genau diejenigen, die etwas für sich tun wollen. Die anderen kommen nicht zu uns. Gottfried Wurpes hat sich auf die Fitten spezialisiert. Ganz simpel: tun oder nicht tun. Move your Body oder leave it.  #00:20:04-7#

Marco: Ich habe das Gefühl, dass diejenigen, die etwas tun wollen, immer mehr werden.  #00:20:12-4#

Uta: Ja, das glaube ich auch, und sei es nur aus Eitelkeit, angespornt durch die jüngere Generation, die auf Instagram posiert. Mittlerweile machen das auch die Älteren mit Begeisterung. Me, myself and I, heute hier, morgen da, und wie schaue ich möglichst gut aus? Womöglich muss ein Filter über das Bild gelegt werden, aber die Basis muss knackig rüberkommen.  #00:20:40-6#

Marco: Uta, du brauchst keinen Filter!  #00:20:43-6#

Uta: Danke (lacht).  #00:20:48-4#

Marco: Die klassischen Pflegeheime und Seniorenresidenzen sind aufgrund der vorhandenen Infrastruktur meist im urbanen Umfeld angesiedelt. Klaus Löhnhardt, mit dem du ebenfalls ein Interview geführt hast, ist davon überzeugt, dass der Fokus der Best Ager aufs Landleben in der Natur rückt. Kannst du uns dazu etwas sagen? Natürlich ist es schön, im Grünen zu wohnen, aber fehlt dort nicht die nötige Infrastruktur? Wie soll diese Idee funktionieren?  #00:21:41-9#

Uta: Corona hat unseren Fokus von der Stadt aufs Land rücken lassen. Das Landleben steht für Freiheit und Gesundheit, aber auch für einen entspannten Rückzugsort in der Rente. Menschen, die diese Art der Erholung mögen, verbringen ihre Urlaube gern in Naturhotels, die weiter draußen liegen. Infrastruktur ist ein Projekt, das Klaus Löhnhardt mit seinen Grazer Studenten europaweit untersucht. Er analysiert beispielsweise die endlos großen Einfamiliensiedlungen im halburbanen Bereich. Möglicherweise könnte man dort eine gewisse Infrastruktur nachzurüsten und den Bezirk bewohnbarer machen. Meist liegen solche Siedlungen naturnah, gleichzeitig aber nicht weit entfernt von urbanen Gebieten. Den Bewohnern bietet dies die Möglichkeit, städtische Kulturangebote zu genießen. Der Vorteil solcher Projekte wäre, vorhandene Strukturen und Gemeinschaften zu nutzen, ohne neue, große Baugebiete errichten zu müssen. Das bereits Vorhandene wird zusammengelegt und je nach Bedarf umgerüstet.  #00:23:20-9#

Marco: Es geht um die Nutzung von Synergien. Es gibt noch nicht genug umgesetzte Konzepte, aber wir konnten heute viele Best Practice Beispiele zusammentragen. Wo siehst du die größten Chancen in der touristischen Entwicklung, wenn man von den wohnwirtschaftlichen Aspekten ausgeht? Wenn Wohnen und touristische Beherbergung verschmelzen, braucht es zukünftig Regelungen. Was ist aus deiner Sicht nötig, und wo können wir ansetzen?  #00:24:12-4#

Uta: Es gibt gewisse Initiativen, die zum Beispiel das Soho Haus Konzept kopieren wollen. Diese Wohnform zielt auf eine gut betuchte Upper Class ab, die auf Basis einer Mitgliedschaft alle zum Club gehörenden Wohnungen in den Innenstädten der coolsten Metropolen der Welt nutzen kann. Sie wohnt mal hier, mal dort, heute in Madrid, morgen in New York. Der Witz ist nur, es gibt noch nicht ein Haus, für das man überhaupt erst einmal einen Baugrund hätte. Andererseits habe ich in eurem Newsletter über das Thema Generationenwechsel gelesen, bei dem es um die Übergabe von Hotelbetrieben geht. Diese Herausforderungen stehen akut an, und hier haben wir tatsächlich eine Konfrontation mit der jüngeren Generation, sprich, mit den eigenen Kindern, die ihren Eltern zugeschaut und wahrgenommen haben, was es bedeutet, ein Hotel zu führen. Sie haben vielleicht eine Ausbildung in der Hotellerie gemacht, aber sie sind anders gestrickt und wollen sich keine Lasten aufbürden, die mit viel Verantwortung einhergehen.

Was macht man dann mit einem Hotel, das in harter, jahrelanger Arbeit aufgebaut wurde und von der Rentabilität her auf einen Familienbetrieb ausgerichtet wurde? Dieses Thema steht Zurzeit bei vielen Hotels an. Vor diesem Hintergrund lautet mein Plädoyer, dass es sinnvoll wäre, wenn sich mehrere Häuser zusammentun, auch wenn dies mit höheren Kosten einhergeht. Gerade in touristischen Orten bieten sich solche Konzepte an. Er müssten Konstellationen wie So.me Homes sein, die bereits fertig ausgearbeitet sind. Die könnte man dann auf die Hotels übertragen. Das eine Hotel könnte eine Art Wellness-Abteilung sein, und das nächste könnte die Zimmer anbieten. Im dritten Haus gibt es den generationsübergreifenden Society-Bereich mit Restaurant und Café. Es gilt, über seinen eigenen Tellerrand zu schauen und ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Das wäre gerade für Familienbetriebe ein interessanter Ansatz. Wir müssen danach fragen, wie wir unser touristisches Dorfbild mit einem Upcycling vereinbaren, um es für die Best Ager attraktiv zu machen. Daraus lassen sich passende Modelle entwickeln.  #00:26:53-3#

Marco: Es geht sehr viel um eine neue Ausrichtung des Bestehenden und nicht darum, alles neu zu schaffen. Vorhandenes wird erhalten und sinnvoll genutzt.  #00:27:11-3#

Uta: In meinem Umfeld bemerke ich, dass die Beschaffung von Material und Arbeitskräften immer schwieriger wird. Ich glaube, wir müssen unsere Ansprüche herunterfahren und Lust darauf bekommen, dass wir das, was bereits vorhanden ist, unkompliziert und ohne staatliche Unterstützung sofort nutzen und einfach ins Tun kommen. Wir müssen uns jetzt zusammenschließen, auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Die Neuzeit schreit in jeder Hinsicht nach einem „Wir“ und nach Vernetzung. Lösen wir uns von den hohen Ansprüchen, gucken wir nicht immer nur in die eigene Tasche und packen wir’s an!  #00:28:19-6#

Marco: Zumindest könnten wir eine Stufe zurückgehen, aber betriebswirtschaftlich erfolgreich müssen die Konzepte trotzdem sein.  #00:28:23-7#

Uta: Ja, natürlich.  #00:28:23-9#

Marco: Packen wir’s an, lass uns gemeinsam etwas für die Best Ager tun und neue Konzepte erschaffen. Das ist schon fast ein schönes Schlusswort. Möchtest du zum Ende unseres Gesprächs noch etwas loswerden?  #00:28:45-6#

Uta: Ich möchte euch, liebe Hörerinnen und Hörer, die sich im Hospitality-Bereich bewegen, ermutigen, Kommunikatoren zu werden. Ihr habt die Menschen bei euch zu Gast, wenn sie entspannt sind, und das ist eine gute Basis, um das Thema aufzurollen. Generationsübergreifende Hotelkonzepte kann man besonders gut im Urlaub ausprobieren, wenn sowohl die Jungen als auch die Älteren vor Ort sind. Man kann den eigenen Blickwinkel verändern und neue Ideen entwickeln. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Tanzkurs, einem Kochkurs oder einem Projekt im Garten? Auch der Sport eignet sich hervorragend, um Menschen verschiedener Altersgruppen zusammenzuführen.

Ich selbst lebe seit einigen Jahren alleine, und ich bin umringt von Singles, sowohl männlich als auch weiblich. Wir stellen uns oft vor, dass wir zusammen auf einem Bauernhof leben und ihn bewirtschaften, aber irgendwie verpufft diese Idee, und die Jahre vergehen. Ich selbst bin auch nicht besser, was das betrifft, und Gleiches gilt für meine Freunde. Auf was warten wir eigentlich noch? Bewusstsein schaffen und Thematisieren bringt uns auf den richtigen Weg. Gerade der Bereich Hospitality muss ein aktiver und fröhlicher Kommunikator werden. #00:30:36-7#

Marco: Es gibt Platz genug für neue Konzepte und Ideen und spannende Produktlinien. Innerhalb der Best Ager sind nicht alle gleich, was bedeutet, dass sich weitere Zielgruppen eingrenzen lassen. Die Spielwiese ist groß, wir müssen sie lediglich bespielen.  #00:31:06-3#

Vielen Dank für deine spannenden Einblicke, liebe Uta. Wir werden alle Infos zu dir und zum Trendreport auf die Links setzen. Wer mehr wissen möchte, kann uns gerne kontaktieren oder den Report bestellen. Ich habe mich sehr gefreut, dich wieder zu hören, und ich freue mich schon auf die nächsten gemeinsamen Themen, die uns beschäftigen werden.

Über Uta Gruenberger

Uta Gruenberger ist seit 1985 freie Journalistin und war für die Magazine STERN, SPORTS, FORBES, QVEST, MAX, HARPERS BAZAAR, PARK AVENUE etc. auf Portraits von interessanten Persönlichkeiten spezialisiert. Sie beschäftigt sich seit 2009 intensiv mit dem menschlichen Bewusstsein und hat die Hoffnung auf eine positive, grüne Zukunft noch nicht aufgegeben.

Trendreport Best Ager

Im Trendreport „Best Ager – eine wachsende Zielgruppe für den Tourismus“ werden die wichtigsten Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen beschrieben, wie Österreichs Tourismus durch die Entwicklung von neuen Hotel- und Immobilienkonzepten erfolgreich auf die Bedürfnisse der wachsenden Zielgruppe eingehen kann. Es wird aufgezeigt, welche umfangreichen Maßnahmen nötig sind, um den Bedürfnissen der Gäste gerecht zu werden und wie die Vermarktung neuer „Best Ager“-Hotels gezielt auf die Zielgruppe ausgerichtet werden kann

Trendreport Best Ager

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