Mobilität im Tourismus neu denken: Warum die letzte Meile ein Systemproblem ist
Nachhaltige Mobilität gehört mittlerweile zu den zentralen Zukunftsthemen im Tourismus. Viele Destinationen investieren in bessere Bahnverbindungen, Kooperationen mit Verkehrsunternehmen und Initiativen zur klimafreundlichen Anreise. Dennoch zeigt sich in der Praxis ein klares Bild: Die Mehrheit der Urlaubsgäste reist weiterhin mit dem eigenen Auto an.
Der Grund liegt häufig nicht in der Anreise selbst, sondern in den letzten Kilometern der Reise. Sobald Gäste zwar komfortabel mit der Bahn ankommen, danach aber nicht wissen, wie sie zum Hotel, zur Unterkunft oder zum Ausgangspunkt ihrer Aktivitäten gelangen, entsteht eine Mobilitätslücke. Genau hier entscheiden sich viele Reisende beim nächsten Urlaub wieder für das Auto.
Diese Herausforderung haben wir bei Smarthotelkey bereits mehrfach beleuchtet, etwa in den Beiträgen zur Herausforderung der letzten Meile oder zu nachhaltigen Mobilitätslösungen im Tourismus. Ein aktueller TICT-Talk des Travel Industry Club Tourismus hat nun eine zusätzliche Perspektive eingebracht: Die entscheidende Frage ist nämlich weniger technischer Natur, sondern vor allem organisatorisch.
Gemeinsam mit Anna Kodek (Naturfreunde Internationale), Martin Heppner (Bahn zum Berg / Zuugle) und Lorenz Aschauer (ÖBB 360°) wurde deutlich: Nachhaltige Mobilität im Tourismus scheitert selten an fehlender Technologie. Sie scheitert häufig an fehlender Koordination.
Das eigentliche Problem ist nicht die Anreise
Viele Destinationen investieren mittlerweile erheblich in klimafreundliche Anreisemöglichkeiten. Bahnangebote werden ausgebaut, Kooperationen mit Verkehrsunternehmen entstehen und Gäste werden aktiv über nachhaltige Anreiseoptionen informiert.
Doch in der Praxis zeigt sich immer wieder ein strukturelles Problem:
- Die Reise endet selten am Bahnhof.
- Der kritische Punkt ist meist die sogenannte erste und letzte Meile. Aalso die Strecke zwischen Verkehrsknotenpunkt und tatsächlichem Urlaubsort.
- Wenn Gäste am Zielbahnhof ankommen und nicht wissen, wie sie weiterkommen, entsteht ein Bruch im Reiseerlebnis. Genau hier entscheiden sich viele Reisende letztlich doch für die Anreise mit dem eigenen Auto.
Im TICT-Talk wurde deshalb eine zentrale Beobachtung diskutiert: Die erste und letzte Meile ist häufig weniger ein Verkehrsproblem als ein Organisationsproblem. Es geht nicht primär darum, neue Verkehrsmittel zu erfinden. Vielmehr müssen bestehende Systeme besser miteinander verbunden werden.
Technologie ist selten das Hauptproblem
In der Diskussion rund um Mobilität wird häufig stark auf Technologie fokussiert: neue Apps, digitale Plattformen oder innovative On-Demand-Systeme. Diese Lösungen können zweifellos helfen. Plattformen wie Zuugle beispielsweise verknüpfen Bergtouren direkt mit der Anreise per Bahn und Bus und schaffen damit eine neue Transparenz für Gäste.
Doch auch hier wurde im Gespräch deutlich: Technologie ist selten der eigentliche Engpass. Die größere Herausforderung liegt meist in der Koordination der beteiligten Akteure:
- Tourismusorganisationen
- Gemeinden
- Verkehrsunternehmen
- touristische Betriebe
- Mobilitätsanbieter
Ohne funktionierende Governance-Strukturen bleiben viele Projekte Pilotversuche.
Nachhaltige Mobilität ist eine Gemeinschaftsaufgabe
Eine zentrale Erkenntnis aus der Diskussion lautet daher: Nachhaltige Mobilität im Tourismus funktioniert nur dann, wenn sie als System gedacht wird.
Viele Mobilitätsprojekte scheitern daran, dass sie isoliert entwickelt werden:
- ein Shuttleprojekt ohne Integration in bestehende Verkehrssysteme
- eine App ohne tatsächliche Verkehrsangebote
- eine Marketingkampagne ohne funktionierende Infrastruktur
Erfolgreiche Modelle dagegen zeichnen sich durch drei Faktoren aus:
- Klare Verantwortlichkeiten: Destinationen brauchen klare Strukturen dafür, wer Mobilitätsprojekte koordiniert und weiterentwickelt.
- Einbindung der touristischen Betriebe: Hotels und touristische Leistungsträger spielen eine zentrale Rolle. Sie sind nicht nur Nutzer solcher Systeme, sondern oft auch wichtige Multiplikatoren gegenüber den Gästen.
- Integration statt Einzelprojekte: Mobilität muss als Teil des touristischen Gesamtsystems gedacht werden – ähnlich wie Gästekarten, Erlebnisangebote oder Infrastruktur.
Mobilität als Wettbewerbsfaktor für Destinationen
Für Destinationen wird Mobilität zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor. Gäste erwarten heute nicht nur attraktive Angebote vor Ort, sondern auch eine möglichst einfache und reibungslose Reiseorganisation.
Wenn nachhaltige Mobilitätslösungen funktionieren, erhöhen sie die Attraktivität einer Region und können gleichzeitig zur Entlastung von Verkehr, Infrastruktur und Lebensraum beitragen.
Umgekehrt kann eine schlecht organisierte Mobilität rasch zum Standortnachteil werden. Insbesondere in stark frequentierten Tourismusregionen.
Wirtschaftlichkeit bleibt eine offene Frage
Ein Punkt wurde im Gespräch ebenfalls offen angesprochen: Mobilitätssysteme im Tourismus sind selten vollständig wirtschaftlich tragfähig. Viele Lösungen funktionieren nur durch eine Kombination aus öffentlicher Finanzierung, regionaler Kooperation und touristischer Mitfinanzierung.
Das ist jedoch kein spezifisches Problem des Tourismus. Auch klassische Verkehrssysteme werden in vielen Regionen öffentlich unterstützt. Entscheidend ist daher weniger die Frage, ob Mobilität gefördert wird, sondern wie sinnvoll diese Systeme in die Destinationsentwicklung integriert sind.
Die Zukunft: integrierte Mobilitätssysteme
Wenn man fünf bis zehn Jahre nach vorne blickt, wird sich touristische Mobilität vermutlich in drei Bereichen besonders stark verändern:
- Digitale Integration: Plattformen werden unterschiedliche Verkehrsmittel stärker miteinander verbinden.
- On-Demand-Mobilität: Flexible Shuttle- und On-Demand-Systeme könnten die klassische Linienlogik ergänzen.
- Stärkere Kooperation zwischen Tourismus und Verkehr: Destinationen werden Mobilität stärker als Teil ihres touristischen Angebots begreifen.
Was Destinationen jetzt tun sollten
Eine einfache Empfehlung aus der Diskussion lautete, dass Destinationen Mobilität nicht als reines Infrastrukturprojekt betrachten sollten. Mobilität ist vielmehr ein strategischen Bestandteil der Destinationsentwicklung.
Das bedeutet konkret:
- Mobilität früh in touristische Strategien integrieren
- Betriebe aktiv einbinden
- Kooperationen mit Verkehrsunternehmen aufbauen
- Systeme statt Einzelprojekte entwickeln
Denn eines wird zunehmend deutlich: Die Frage der Mobilität entscheidet nicht nur darüber, wie Gäste anreisen, sondern auch darüber, wie sie eine Destination erleben.
Destinationen, denen es gelingt, Mobilität als integrierten Bestandteil ihres touristischen Systems zu organisieren, schaffen damit nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz – sondern auch einen echten Qualitätsfaktor für Gäste und Einheimische.


