Ganzjahrestourismus: Mehr Wertschöpfung oder mehr Kosten?

Warum Saisonverlängerung kein Selbstzweck sein darf und am Ende die Wirtschaftlichkeit entscheidet.

Kaum ein Begriff prägt die aktuelle tourismuspolitische Diskussion so stark wie der Ganzjahrestourismus. Mit der neuen Tourismusstrategie Vision T hat Österreich das Ziel formuliert, den Tourismus stärker über das gesamte Jahr zu entwickeln und Wertschöpfung gleichmäßiger auf alle Jahreszeiten zu verteilen. Dahinter stehen nachvollziehbare Überlegungen: Saisonale Spitzen sollen abgeflacht, Arbeitsplätze verstetigt, die vorhandene Infrastruktur besser genutzt und Destinationen insgesamt resilienter werden. Es geht also längst nicht mehr nur darum, möglichst viele Nächtigungen zu erzielen, sondern Tourismus so zu gestalten, dass Betriebe, Mitarbeiter, Regionen und Gäste gleichermaßen davon profitieren.

Diese Stoßrichtung halte ich grundsätzlich für richtig, aber oft entsteht der Eindruck, Ganzjahrestourismus sei per se erstrebenswert und jeder zusätzliche Öffnungstag automatisch ein Erfolg. Dabei sagt die Anzahl der Betriebstage allein noch nichts über die wirtschaftliche Qualität eines Hotelbetriebs aus. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob ein Hotel ganzjährig geöffnet hat, sondern ob sich diese zusätzlichen Öffnungstage tatsächlich rechnen.

Zwischen Vision und betrieblicher Realität

Mit der Vision T verfolgt Österreich einen deutlich breiteren Ansatz als frühere Tourismusstrategien bzw. auch als der Vorgänger-Masterplan T. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr ausschließlich steigende Nächtigungszahlen, sondern die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Tourismus, die Lebensqualität in den Regionen sowie eine höhere Wertschöpfung. Saisonverlängerung und Ganzjahrestourismus werden dabei als wesentliche Hebel gesehen, um diese Ziele zu erreichen. Gleichzeitig werden Themen wie Fachkräftesicherung, Digitalisierung, Mobilität, Produktentwicklung oder Nachhaltigkeit bewusst mitgedacht. Das ist ein wichtiger Perspektivenwechsel, weil Tourismus dadurch nicht isoliert betrachtet wird, sondern als Teil eines komplexen Gesamtsystems.

SHK 292: Vision T im Reality Check

Dennoch bleibt eine Herausforderung bestehen. Eine nationale Strategie kann Ziele definieren und Entwicklungen anstoßen. Ob diese Ziele für den einzelnen Betrieb tatsächlich sinnvoll sind, entscheidet sich jedoch nicht auf strategischer Ebene, sondern in der betriebswirtschaftlichen Realität. Und gerade hier lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen.

Mehr Öffnungstage bedeuten nicht automatisch mehr Gewinn

Die Idee eines Ganzjahrestourismus bzw. einer Saisonverlängerung erscheint auf den ersten Blick durchaus logisch, denn wenn ein Hotel länger geöffnet hat, können zusätzliche Zimmer verkauft, mehr Gäste bewirtet und somit (zumindest theoretisch) höhere Umsätze erzielt werden. Diese Überlegung greift allerdings zu kurz, denn jeder zusätzliche Öffnungstag verursacht gleichzeitig auch zusätzliche Kosten.

Mitarbeiter müssen beschäftigt werden, Zimmer werden gereinigt, Wellnessbereiche beheizt, Gastronomiebereiche betrieben und Marketingmaßnahmen finanziert. Auch Verwaltung, Einkauf und Organisation laufen weiter. Je nach Betrieb kommen zusätzliche Instandhaltungskosten oder höhere Energiekosten hinzu. Ob daraus tatsächlich ein höherer Gewinn entsteht, hängt daher nicht von der Anzahl der Öffnungstage ab, sondern davon, ob in dieser Zeit ausreichend Nachfrage vorhanden ist und diese Nachfrage auch zu wirtschaftlich tragfähigen Preisen bedient werden kann.

Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ist diese Unterscheidung entscheidend. Zusätzlicher Umsatz allein verbessert noch keine Ertragslage. Viel wichtiger ist die Frage, welcher Deckungsbeitrag erzielt wird und ob sich die zusätzlichen Fixkosten und variablen Kosten tatsächlich amortisieren. Ganzjahrestourismus ist deshalb kein Selbstzweck, sondern kann nur dann erfolgreich sein, wenn er zu einer nachhaltigen Steigerung der Wertschöpfung führt.

Nicht jede Destination muss zur Ganzjahresdestination werden

Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion häufig zu wenig berücksichtigt wird, sind die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen der einzelnen Betriebe und Destinationen. Ein Wellnesshotel mit starker regionaler Nachfrage, einem attraktiven Spa-Angebot und guter Erreichbarkeit verfügt über völlig andere Möglichkeiten als ein klassisches Skihotel, dessen gesamte Positionierung auf wenige Wintermonate ausgerichtet ist. Ähnliches gilt für Seehotels, Wanderhotels oder Betriebe, deren Nachfrage überwiegend von Ferienzeiten abhängt.

Deshalb halte ich auch wenig von pauschalen Forderungen, möglichst viele Betriebe ganzjährig zu öffnen. Viel interessanter ist vielmehr die Frage, welche Betriebe das Potenzial besitzen, ihre Saison wirtschaftlich sinnvoll zu verlängern und welche mit einer bewusst konzentrierten Saison sogar erfolgreicher sind. Eine klar definierte Saison mit hoher Auslastung, guter Preisqualität und einer effizienten Kostenstruktur kann betriebswirtschaftlich wesentlich attraktiver sein als eine ganzjährige Öffnung mit schwacher Nachfrage in den Randzeiten.

Die Diskussion sollte sich daher weniger an der Anzahl der Öffnungstage orientieren, sondern vielmehr daran, wie sich die Wertschöpfung eines Betriebes nachhaltig steigern lässt. Und das hängt nicht nur von jedem einzelnen Betrieb, sondern auch von der Destinationsstrategie ab.

Der Gast kommt nicht wegen geöffneter Türen

Wer über Saisonverlängerung nachdenkt, sollte sich deshalb zunächst eine andere Frage stellen: Warum sollte ein Gast gerade außerhalb der klassischen Saison anreisen?

Die Antwort lautet jedenfalls nicht, weil das Hotel geöffnet hat. Gäste reisen wegen eines Erlebnisses, eines besonderen Angebots oder eines konkreten Reiseanlasses. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung für viele Destinationen und Betriebe. Ganzjahrestourismus gelingt nicht durch längere Öffnungszeiten, sondern durch die Entwicklung neuer Produkte und neuer Reiseanlässe.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Beispiele entstanden, die zeigen, wie das gelingen kann. Gesundheits- und Longevity-Angebote, Retreats, Kulinarik, Sportveranstaltungen oder regionale Events sprechen Zielgruppen an, die bewusst außerhalb der klassischen Hauptsaison reisen. Auch im alpinen Raum zeigt sich zunehmend, dass der Sommer längst nicht mehr ausschließlich Wanderurlaub bedeutet. Trailrunning, Mountainbike, Gravelbike oder Gesundheitsangebote schaffen zusätzliche Nachfrage und sprechen neue Gästeschichten an. Erst wenn ein eigenständiges Produkt vorhanden ist, kann daraus auch eine eigenständige Saison entstehen. Die Öffnung folgt dem Produkt und nicht umgekehrt.

Am Ende entscheidet der Taschenrechner über Ganzjahrestourismus

Wie unterschiedlich sich Saisonverlängerung wirtschaftlich auswirken kann, zeigt auch ein aktueller Beitrag von Elfriede Krempl im TP-Blog mit dem Titel Ab wann sich Ganzjahrestourismus rechnet. Darin wird anhand eines Musterbetriebes berechnet, unter welchen Voraussetzungen zusätzliche Öffnungszeiten wirtschaftlich sinnvoll sein können. Das Ergebnis ist durchaus bemerkenswert, weil bereits vergleichsweise niedrige Auslastungen unter bestimmten Rahmenbedingungen ausreichen können, damit sich eine Saisonverlängerung rechnet.

Gleichzeitig macht dieser Beitrag aber auch deutlich, warum es keine allgemeingültige Antwort geben kann. Jedes Hotel verfügt über eine andere Kostenstruktur, ein anderes Preisniveau, unterschiedliche Serviceintensität und individuelle Marktbedingungen. Was für den einen Betrieb funktioniert, kann für einen anderen wirtschaftlich völlig ungeeignet sein. Genau deshalb sollte die Entscheidung für oder gegen eine Saisonverlängerung niemals aus dem Bauch heraus getroffen werden, sondern immer auf einer fundierten Wirtschaftlichkeitsrechnung basieren.

Den Beitrag des TP-Blogs kann ich jedem empfehlen, der sich intensiver mit dieser Fragestellung auseinandersetzen möchte. Er ergänzt die strategische Diskussion um jene betriebswirtschaftliche Perspektive, die in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt.

Saisonverlängerung braucht auch die richtigen Rahmenbedingungen

So sehr die wirtschaftliche Betrachtung auf Betriebsebene im Vordergrund steht, so wenig darf man die Verantwortung der Destinationen und der Tourismuspolitik ausblenden. Denn Ganzjahrestourismus entsteht nicht allein dadurch, dass einzelne Hotels länger geöffnet haben. Er setzt voraus, dass ganze Regionen attraktive Angebote entwickeln, die Erreichbarkeit verbessert wird, Fachkräfte auch außerhalb der Hauptsaison beschäftigt werden können und Marketingmaßnahmen gezielt neue Nachfrage schaffen.

Gerade deshalb ist die Vision T zwar als strategischer Rahmen wichtig, aber sie allein ist kein Allheilmittel. Es wird deutlich, dass Saisonverlängerung weit mehr bedeutet als zusätzliche Nächtigungen. Sie erfordert Investitionen in Infrastruktur, Produktentwicklung, Mobilität, Digitalisierung und Zusammenarbeit innerhalb der Destinationen. Erst wenn diese Rahmenbedingungen geschaffen werden, können Betriebe ihr wirtschaftliches Potenzial tatsächlich ausschöpfen.

Fazit zum Ganzjahrestourismus

Ich bin überzeugt, dass Ganzjahrestourismus für viele Regionen und Betriebe eine große Chance darstellen kann. Gleichzeitig halte ich wenig davon, ihn als allgemeingültiges Erfolgsmodell zu betrachten. Nicht jeder Betrieb muss zwölf Monate im Jahr geöffnet haben, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Viel wichtiger ist die Frage, ob zusätzliche Öffnungstage einen positiven Beitrag zur Wertschöpfung leisten oder lediglich zusätzliche Kosten verursachen.

Vielleicht sollten wir deshalb künftig weniger über Ganzjahrestourismus und häufiger über ganzjährige Wertschöpfung sprechen. Denn genau darin liegt letztlich der eigentliche Maßstab für unternehmerischen Erfolg. Die Anzahl der Öffnungstage ist keine Kennzahl für wirtschaftliche Stärke. Entscheidend ist, welchen Ertrag ein Betrieb in dieser Zeit erwirtschaftet und ob es gelingt, Gästen auch außerhalb der klassischen Saison einen überzeugenden Reiseanlass zu bieten.

Wenn die Vision T dazu beiträgt, diesen Perspektivenwechsel anzustoßen, dann hat sie bereits einen wichtigen Zweck erfüllt. Die eigentliche Herausforderung beginnt allerdings erst danach und zwar dort, wo aus einer guten Strategie ein wirtschaftlich erfolgreiches Geschäftsmodell werden soll.

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