Umsatz steigt, Gewinn nicht: Warum die Hotellerie neu rechnen muss

Rekordnächtigungen, steigende Umsätze – und trotzdem sinkende Ergebnisse. Wo Gewinne verloren gehen und welche Hebel entlang der G&V wirklich wirken.

Die Diskrepanz zwischen steigenden Umsätzen und stagnierender Profitabilität zählt aktuell zu den zentralen Herausforderungen der Branche. Genau diesem Spannungsfeld widmete sich das gemeinsame Webinar mit Profitize, bei dem ich „meinen Senf beisteuern durfte“. Unter dem Titel „Umsatz steigt, Gewinn nicht“ wurde anhand aktueller Marktdaten und konkreter Praxisbeispiele aufgezeigt, warum volle Häuser längst kein Garant mehr für wirtschaftlichen Erfolg sind und wo die entscheidenden Hebel entlang der Gewinn- und Verlustrechnung liegen.

Im Webinar wurden sowohl die strukturellen Entwicklungen der österreichischen Hotellerie als auch operative Herausforderungen im laufenden Betrieb beleuchtet. Dabei wurde der Bogen von veränderten Gästestrukturen über steigende Kosten bis hin zu oft unterschätzten, versteckten Kostentreibern gespannt.

Die Aufzeichnung dieses Webinars wurde in weiterer Folge direkt als Podcast-Episode im Smart Hotel Key verwendet. Ergänzend dazu werden die zentralen Inhalte nicht nur im Audioformat aufbereitet, sondern auch visuell unterstützt: Die wichtigsten Folien und Kerngedanken aus dem Webinar sind in diesem Beitrag integriert, um die Zusammenhänge (die in der reinen Tonspur eventuell untergehen) noch klarer darzustellen und die praktische Umsetzung im eigenen Betrieb zu erleichtern.

Kernaussagen

  • Rekord-Nächtigungszahlen garantieren keine Profitabilität, wenn Kosten überproportional steigen
  • Variable Kosten pro Zimmer müssen genau kalkuliert werden, um Preisuntergrenzen zu bestimmen
  • Kleine Kostenpositionen von 2 Euro pro Gast können bei größeren Betrieben 100.000 Euro jährlich ausmachen
  • Personalkosten sind durch Dienstplanoptimierung und Soll-Ist-Vergleiche zu steuern
  • Regelmäßiges Finanzmonitoring ist wichtiger als sporadische Momentaufnahmen
  • Erfolgreiche Hotellerie erfordert Balance zwischen Zahlenkenntnis und Gästeorientierung

Die österreichische Hotellerie erlebt ein Paradoxon: Das vergangene Jahr brach mit 54 Millionen Nächtigungen alle Rekorde seit Beginn der digitalen Aufzeichnung. Dennoch klagen viele Hoteliers über schwache Gewinnentwicklung. Trotz voller Häuser und steigender Umsätze bleibt am Monatsende oft weniger übrig als erwartet.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielschichtig: Während die Nachfrage regional stark wächst, verschieben sich gleichzeitig Kapazitäten und Gästestrukturen. Hinzu kommt ein anhaltend hoher Kostendruck, der die positiven Umsatzeffekte zunichte macht. Die Branche steht vor der Herausforderung, nicht nur auf Nächtigungszahlen zu schauen, sondern verstärkt die Profitabilität in den Fokus zu rücken.

Wachstum mit ungleicher Verteilung

Die Entwicklung der österreichischen Hotellerie zeigt deutliche strukturelle Verschiebungen. Bei der Marktentwicklung über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren wird sichtbar, wo Kapazitäten auf- und abgebaut werden. Besonders auffällig ist das Wachstum bei gewerblichen Ferienwohnungen mit einem Kapazitätszuwachs von über 100 Prozent und einem Nächtigungswachstum von 134 Prozent. Campingplätze verzeichnen 38 Prozent mehr Betten bei 65 Prozent mehr Nächtigungen. Im Gegensatz dazu verloren Zwei- und Ein-Stern-Betriebe 20 Prozent ihrer Betten.

„Mehr Gäste bedeuten nicht automatisch bessere Wirtschaftlichkeit“

Die Vier- und Fünf-Sterne-Hotellerie entwickelte sich homogen mit jeweils etwa 17 Prozent Wachstum bei Nächtigungen und Betten, was zu stabilen Auslastungsraten führt.

Strukturwandel bei den Herkunftsmärkten

Ein weiterer Faktor beeinflusst die Profitabilität: die veränderte Gästestruktur. Im Vergleich zur Schweiz, die bereits wieder zehn Prozent über dem Vorkrisenniveau liegt und ihre Fernmärkte vollständig zurückgewonnen hat, hinken die österreichischen Fernmärkte noch immer fünf Prozent hinter 2019 zurück. Diese Verschiebung hat direkte Auswirkungen auf die Wertschöpfung pro Gast. Während ein amerikanischer Tourist durchschnittlich 323 Euro pro Tag ausgibt, sind es bei deutschen Gästen nur 157 Euro (Preisbasis 2023). Ein durchschnittlicher amerikanischer Tourist gibt somit mehr als das Doppelte pro Tag aus. Österreich ist stark abhängig von deutschen Touristen als wichtigstem ausländischem Herkunftsmarkt, während die Schweiz die USA im Sommer bereits als stärkstes Herkunftsland neben den inländischen Nächtigungen etabliert hat.

Kostenschere öffnet sich weiter

Parallel zur ungleichen Umsatzentwicklung verschärft sich der Kostendruck. Österreich gehört seit Jahren zum Spitzenfeld der Eurozone bei der Inflation, was überdurchschnittlich steigende Kosten bedeutet. Die Preissteigerungen im österreichischen Tourismus übertrafen zudem von Januar 2020 bis Sommer 2024 deutlich die touristischen Mitbewerber Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und Spanien.

Hinzu kommen Arbeitsstückkosten, die im Dienstleistungssektor kontinuierlich steigen, ohne dass die Produktivität im gleichen Ausmaß zunimmt. Im Zehn-Jahres-Vergleich lagen die österreichischen Arbeitsstückkosten bereits 2014 deutlich über dem Eurozone-Durchschnitt sowie über Italien und Griechenland und sind auch überproportional angestiegen.

Diese Entwicklung schlägt sich direkt in den Betriebsergebnissen nieder. Aktuelle Daten des Hotel Fitness Checks 2025 zeigen: Der Gesamtumsatz pro verfügbarem Zimmer stieg in der Vier-Stern-Hotellerie in den letzten drei Jahren um knapp zwölf Prozent, die Auslastung um zehn Prozent. Gleichzeitig stiegen jedoch die Mitarbeiterkosten pro Vollzeitequivalent um 22 Prozent und die Energiekosten um 44 Prozent. Das Resultat: ein operatives Betriebsergebnis von minus 2,2 Prozentpunkten.

Herausforderung Flächeneffizienz

Ein strukturelles Problem verschärft die Kostensituation zusätzlich: Die durchschnittliche Zimmergröße wuchs von 19 Quadratmetern im Jahr 1990 auf 33 Quadratmeter 2025, während die Aufenthaltsdauer von 5,1 auf 3,3 Tage sank. Das bedeutet immer mehr Fläche, höherer operativer Aufwand, aber die Gäste bleiben kürzer.

Diese Schere stellt Hoteliers vor grundsätzliche Fragen zur Flächeneffizienz bei Neuinvestitionen. Mehr Fläche bedeutet höhere Investitionen und operative Aufwände, während sich die Nutzungsdauer reduziert.

Kostenkontrolle wird zur Überlebensfrage

Michael Gofer (Co-CEO von Profitize) sieht einen Wandel in der Branche: Es gibt einen Shift vom rein Umsatzgetriebenen hin zur Profitabilität. Immer mehr Hoteliers erkannten, dass auch starke Umsätze keinen wirtschaftlichen Erfolg garantierten.

Die Lösung liegt in einer systematischen Kostenanalyse entlang der Gewinn- und Verlustrechnung. Dabei geht es zunächst um variable Kosten und Grenzkosten pro Zimmer. Diese umfassen Housekeeping, Wäsche, Amenities, Energiekosten, Frühstück und OTA-Kommissionen. Wenn man diese Kostenkomponenten kennt, kann man seine Preisuntergrenze bestimmen.

Ein Beispiel: Bei einem Zimmerpreis von 120 Euro und variablen Kosten von 48 Euro ergibt sich ein Deckungsbeitrag von 72 Euro. Strategisch kann es sinnvoll sein, die letzten Zimmer auch zu 70 Euro zu verkaufen, da dies immer noch 22 Euro Deckungsbeitrag für die Fixkosten generiert.

Versteckte Kostentreiber identifizieren

Besonders bei Fixkosten steckt oft ungenutztes Optimierungspotenzial. Marketingkosten, Personalplanung und scheinbare Kleinigkeiten können große Auswirkungen haben. Zwei Euro Willkommensgeschenk pro Gast sind bei 10.000 Nächtigungen schon 20.000 Euro.

Bei der Personaloptimierung geht es nicht um Stellenabbau, sondern um intelligente Dienstplanoptimierung. Durch Sollzeitvorgaben für verschiedene Tätigkeiten und Abgleich mit tatsächlichen Arbeitszeiten lassen sich Über- und Unterbesetzung identifizieren und Urlaubsplanungen optimieren.

Der erste Schritt ist, sich bewusst zu machen, welche Position tatsächlich was kostet. Drei bis fünf Positionen à zwei Euro pro Gast könnten am Jahresende 100.000 Euro Kostenersparnis bedeuten.

Datenbasierte Entscheidungen statt Bauchgefühl

Wichtig ist regelmäßiges Monitoring statt punktueller Jahresanalysen. Wer seine Zahlen nicht kennt, kennt seinen Betrieb nur halb so gut. Wichtig ist dabei, nicht nur Momentaufnahmen zu betrachten, sondern die eigene Entwicklung kontinuierlich zu verfolgen.

Vorsicht ist geboten bei automatisierten Lösungen ohne menschliche Interpretation: Auch die beste KI weiß nicht, was im Kopf der Hoteliers vorgeht, was deren Unternehmensziele sind. Steigende Wareneinsätze könnten beispielsweise bewusste Qualitätsverbesserungen widerspiegeln, nicht zwangsläufig Ineffizienz.

Ausblick: Vorsichtiger Optimismus bei anhaltenden Herausforderungen

Für die kommende Sommersaison kann man allerdings nachfrageseitig vorsichtig optimistisch sein. Internationale Krisenherde könnten die Nahmärkte stärken und Mitteleuropa profitieren lassen. Die entscheidende Frage bleibe jedoch die Profitabilität: Wenn pro Gast weniger Wertschöpfung übrig bleibt, bleibt der Kostendruck hoch.

Die erfolgreiche Zukunft der österreichischen Hotellerie liegt nicht in der reinen Fokussierung auf Nächtigungszahlen, sondern in der intelligenten Balance zwischen Umsatzoptimierung und Kostenkontrolle. Dabei gilt es, die Qualität als Kernkompetenz zu bewahren und gleichzeitig die betriebswirtschaftliche Basis zu stärken.

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