Österreich vs. Schweiz: Gleiche Auslastung, höhere Zimmererlöse

Österreich und die Schweiz gehören zu den erfolgreichsten Tourismusländern im Alpenraum. Doch während Österreich mit hohen Nächtigungszahlen und einer enormen Tourismusintensität punktet, zeigt sich die Schweiz bei den Zimmererlösen deutlich stärker. Wie groß sind die Unterschiede tatsächlich und was kann die österreichische Hotellerie daraus lernen?

64 Prozent gegenüber 63,3 Prozent: So nah liegen die Bettenauslastungen der untersuchten 4-Sterne-Hotels in Österreich und der Schweiz beieinander, wenn man die tatsächlichen Öffnungstage betrachtet. Bei den wirtschaftlichen Kennzahlen ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild. Während österreichische 4-Sterne-Betriebe einen Beherbergungsertrag von rund 38.447 Euro pro Zimmer ausweisen, sind es in der Schweizer Vergleichsgruppe rund 59.500 Euro. Ein Unterschied von knapp 55 Prozent! Wie passt das zusammen? Und bedeutet das automatisch, dass Schweizer Hotels wirtschaftlich erfolgreicher sind?

Östereich-Schweiz: Beherbergungskennzahlen
Ähnliche Auslastung, unterschiedliche Zimmererlöse: Der 4-Sterne-Vergleich zwischen Österreich und der Schweiz.

Mehr Nächtigungen, aber nicht automatisch mehr Wertschöpfung

Österreich verfügt über rund 628.000 Betten in klassischen Hotels und Kurbetrieben. In der Schweiz sind es rund 272.000. Auch bei den Nächtigungen liegt Österreich mit rund 96,1 Millionen deutlich vor der Schweiz mit 43,9 Millionen. Die Tourismusintensität, also das Verhältnis der Nächtigungen zur Einwohnerzahl, ist in Österreich mit 10,4 mehr als doppelt so hoch wie in der Schweiz mit 4,9. Österreich ist damit wesentlich stärker vom Tourismus geprägt. Die hohe Angebotsdichte, die vielen familiengeführten Hotels und die touristische Erschließung zahlreicher Regionen sind wesentliche Stärken unseres Landes.

Interessant ist allerdings auch die Betriebsstruktur. Während österreichische Hotels im untersuchten Vergleich durchschnittlich rund 57 Betten aufweisen, sind es in der Schweiz etwa 68. Größere betriebliche Einheiten können Skaleneffekte ermöglichen und insbesondere in personalintensiven Bereichen wirtschaftliche Vorteile schaffen. Entscheidend ist aber nicht allein die Größe eines Betriebes, sondern vor allem, wie wirtschaftlich die vorhandenen Kapazitäten genutzt werden.

Besonders aufschlussreich ist deshalb der direkte Vergleich der 4-Sterne-Hotellerie. Bei der Bettenauslastung auf Öffnungstage liegen Österreich und die Schweiz mit 64,0 beziehungsweise 63,3 Prozent praktisch gleichauf. Trotzdem erzielt die Schweizer Vergleichsgruppe deutlich höhere Beherbergungserlöse pro Zimmer. Auch der Revenue per Available Room (RevPAR) liegt mit rund 172 Euro über den österreichischen 145 Euro. Das entspricht einem Vorsprung von knapp 19 Prozent. Eine vergleichbare Auslastung führt also keineswegs automatisch zu vergleichbaren Zimmererlösen. Ein höheres Preisniveau, unterschiedliche Gästestrukturen, Betriebsgrößen und Hotelkonzepte können dabei eine Rolle spielen. Welche Faktoren den Abstand im Einzelnen erklären, lässt sich aus den Kennzahlen allein allerdings nicht eindeutig ableiten.

Die Schweiz wächst dynamischer und spricht andere Gäste an

Ein weiterer Unterschied zeigt sich bei der Entwicklung der Nächtigungen. Vergleicht man die Hotel- und Kurheimnächtigungen mit dem Vorkrisenjahr 2019, liegt Österreich 2025 noch rund 1,4 Prozent darunter. Die Schweiz hingegen konnte ihr damaliges Niveau bereits um 11,7 Prozent übertreffen. Beide Länder haben während der Pandemie massive Einbrüche erlebt, doch die anschließende Erholung verlief unterschiedlich. Obwohl die Schweiz generell als hochpreisiges Reiseziel wahrgenommen wird, konnte sie ihre Nachfrage nicht nur stabilisieren, sondern deutlich ausbauen. Der Preis allein scheint also keineswegs das entscheidende Kriterium für die touristische Wettbewerbsfähigkeit zu sein.

Österreich-Schweiz: Nächtigungsentwicklung seit 2019
Nächtigungsentwicklung in Hotels und Kurheimen: Schweiz +11,7 %, Österreich −1,4 % gegenüber 2019.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Ländern liegt auch in der Herkunftsstruktur der Gäste. In Österreich entfielen 2025 rund 37,2 Prozent der Hotelnächtigungen auf Deutschland. Dazu kommen 25,7 Prozent aus dem Inland und 7,2 Prozent aus den Niederlanden. Damit ist die österreichische Hotellerie stark von wenigen, überwiegend europäischen Herkunftsmärkten abhängig. Das hat Vorteile: Kurze Anreisewege, etablierte Gästebeziehungen und eine hohe Bekanntheit Österreichs sorgen für eine solide Nachfragebasis. Gleichzeitig können wirtschaftliche Veränderungen in Deutschland oder ein verändertes Reiseverhalten im wichtigsten Herkunftsmarkt erhebliche Auswirkungen haben.

In der Schweiz stellt sich die Situation anders dar. Dort entfallen rund 48,1 Prozent aller Hotelnächtigungen auf Schweizer Gäste. Deutschland ist mit 8,8 Prozent der zweitwichtigste Markt, knapp gefolgt von den USA mit 8,4 Prozent. Auch das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien sowie asiatische und arabische Herkunftsmärkte spielen eine Rolle. Die Schweiz verfügt damit neben einem ausgesprochen starken Inlandsmarkt über eine deutlich ausgeprägtere Nachfrage aus internationalen Fernmärkten. Diese können zusätzliche zahlungskräftige Gästegruppen erschließen, bringen aber auch Abhängigkeiten von Wechselkursen, geopolitischen Entwicklungen und der internationalen Erreichbarkeit mit sich.

Österreich-Schweiz: Top-Herkunftsländer
Österreichs Hotellerie ist stark vom deutschen Markt geprägt, die Schweiz kombiniert eine hohe Inlandsnachfrage mit wichtigen Fernmärkten.

Die Lehre für Österreich kann daher nicht lauten, möglichst viele neue Fernmärkte zu bearbeiten. Vielmehr geht es um eine gezielte Diversifikation, die zur jeweiligen Destination, zum Hotelprodukt und zur Erreichbarkeit passt. Nicht jeder Betrieb braucht Gäste aus Übersee, aber jeder Hotelier sollte wissen, wie stark sein wirtschaftlicher Erfolg von einzelnen Herkunftsmärkten abhängt.

 

Höhere Erlöse bedeuten nicht automatisch höhere Gewinne

Ein Blick auf die Kostenstruktur relativiert die Unterschiede auf der Erlösseite. In den untersuchten 4-Sterne-Betrieben liegt die Personalkostenquote in Österreich bei 36,9 Prozent, in der Schweiz bei 38 Prozent. Beim Wareneinsatz stehen 13,9 Prozent in Österreich rund 12,5 Prozent in der Schweiz gegenüber. Deutlicher ist der Unterschied bei den Energiekosten: Während österreichische Betriebe dafür 5,3 Prozent ihrer Erlöse aufwenden, sind es in der Schweizer Vergleichsgruppe 3,6 Prozent.

Österreich-Schweiz: Kostenquoten
Während die Personalkostenquote in der Schweizer 4-Sterne-Hotellerie etwas höher liegt, fallen die Anteile für Wareneinsatz, Energie und Marketing in Österreich höher aus.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass diese Zahlen Kostenanteile am Umsatz und keine absoluten Kostenbelastungen beschreiben. Ein niedrigerer Kostenanteil kann somit auch auf höhere Erlöse zurückzuführen sein. Gerade in der Schweiz sind beispielsweise die absoluten Lohn- und Betriebskosten in einem anderen wirtschaftlichen Umfeld zu betrachten. Ob die Schweizer Hotellerie am Ende tatsächlich höhere operative Ergebnisse erwirtschaftet, lässt sich aus den vorliegenden Zahlen daher nicht ableiten. Dafür müssten insbesondere der Gross Operating Profit (GOP), die Investitionskosten, die Finanzierung und der Kapitaleinsatz vergleichbar betrachtet werden.

Und genau darin liegt ein wesentlicher Punkt: Touristischer Erfolg darf nicht ausschließlich an Nächtigungszahlen, Auslastung oder Zimmerumsätzen gemessen werden. Ein voll ausgelastetes Hotel ist nicht automatisch ein wirtschaftlich erfolgreiches Hotel. Entscheidend ist, wie viel vom erwirtschafteten Umsatz nach Abzug der operativen Kosten verbleibt und ob damit auch die notwendigen Investitionen und Finanzierungskosten getragen werden können.

Was kann Österreich von der Schweiz lernen?

Österreich ist ausgesprochen erfolgreich darin, touristische Nachfrage zu generieren. Zukünftig muss es aber noch stärker darum gehen, aus dieser Nachfrage wirtschaftlich tragfähige Ergebnisse zu erwirtschaften. Ein zusätzliches Nächtigungsplus ist wenig wert, wenn gleichzeitig die Kosten stärker steigen und die notwendige Investitionsfähigkeit verloren geht. Der Schweizer Vergleich zeigt jedenfalls, dass auch bei ähnlicher Auslastung deutlich unterschiedliche Erlösniveaus möglich sind.

Damit rücken die Positionierung eines Hotels, die konsequente Preissteuerung und die gezielte Ansprache geeigneter Gästegruppen in den Mittelpunkt. Österreichische Hotelbetriebe sollten sich noch intensiver damit auseinandersetzen, welches Preisniveau ihr Produkt tatsächlich rechtfertigt und wie sich die eigene Leistung vom Mitbewerb unterscheidet. Nicht jeder zusätzliche Gast trägt im gleichen Ausmaß zum Betriebsergebnis bei. Ebenso wenig muss eine höhere Auslastung das oberste Ziel sein, wenn sie nur durch entsprechende Preisnachlässe erreicht werden kann.

Auch die Herkunftsmärkte verdienen eine strategischere Betrachtung. Der deutsche Markt bleibt für Österreich unverzichtbar, dennoch ist eine breitere Nachfragebasis sinnvoll. Welche zusätzlichen Märkte sich dafür eignen, hängt wesentlich von der Positionierung, der Erreichbarkeit und dem Leistungsangebot ab. Gleichzeitig zeigt die Schweiz, dass ein starker Inlandsmarkt ein wichtiger Stabilitätsfaktor sein kann. Es geht also nicht zwangsläufig um mehr Internationalisierung, sondern um einen möglichst ausgewogenen Gästemix und die wirtschaftlich richtige Nachfrage.

Fazit: Wer macht mehr aus seinen Hotelzimmern?

Beide Länder verfolgen unterschiedliche touristische Erfolgsmodelle. Österreich überzeugt mit Angebotsvielfalt, hoher Tourismusintensität und einer starken Position bei europäischen Gästen. Die Schweiz punktet im untersuchten Vergleich mit höheren Zimmererlösen, einer dynamischeren Nachfrageentwicklung und einer anderen internationalen Gästestruktur. Daraus lässt sich kein eindeutiger Sieger ableiten. Die Schweiz ist nicht automatisch rentabler und Österreich nicht zwangsläufig weniger erfolgreich.

Der Vergleich macht aber deutlich, dass wir touristischen Erfolg stärker hinterfragen müssen. Nicht die Zahl der Gäste oder Nächtigungen entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg, sondern die Wertschöpfung, die daraus entsteht. Und gerade vor dem Hintergrund steigender Kosten, notwendiger Investitionen und eines zunehmend anspruchsvollen Wettbewerbsumfelds sollte dieser Gedanke in der österreichischen Hotellerie noch stärker in den Mittelpunkt rücken.

Was wir von unserem westlichen Nachbarland lernen können, ist deshalb weniger eine Frage des Preisniveaus als vielmehr eine Frage der wirtschaftlichen Konsequenz: Wie gut gelingt es uns, die vorhandene touristische Nachfrage in nachhaltige Erträge zu übersetzen?


Datengrundlage: Prodinger Tourismusberatung, Statistik Austria/Statcube, Bundesamt für Statistik Schweiz (BFS), Prodinger Fitness-Check, OeHT und HotellerieSuisse. Die statistischen Daten beziehen sich teilweise auf unterschiedliche Erhebungszeiträume und Grundgesamtheiten. Die betriebswirtschaftlichen Vergleichswerte stammen aus dem 4-Sterne-Segment und sind Medianwerte.

Weitere Informationen und Hintergründe findest du im Prodinger-Fachartikel zum Tourismusvergleich Österreich–Schweiz.

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