März-Schwäche stellt Ganzjahrestourismus auf den Prüfstand
Der Ganzjahrestourismus ist eines der zentralen Ziele der österreichischen Tourismusstrategie. Sowohl in der „Vision T“ als auch im aktuellen Regierungsprogramm wird klar formuliert: Die Auslastung soll über das gesamte Jahr hinweg gesteigert werden. Das ist nachvollziehbar. Es ist wirtschaftlich sinnvoll. Und es entspricht dem Wunsch nach stabileren Beschäftigungsverhältnissen und besser planbaren Betrieben. Nur: Zwischen Anspruch und Realität klafft derzeit eine spürbare Lücke.
Viel Strategie, wenig Wirkung
Die politischen Zielsetzungen sind durchaus klar formuliert:
- Die Österreich Werbung soll den Ganzjahrestourismus stärker vermarkten
- Förderinstrumente sollen gezielt auf Angebotsausweitung ausgerichtet werden
- Modelle für längere Beschäftigungsverhältnisse sollen geprüft werden
Auch operativ wird bereits an vielen dieser Themen gearbeitet. Internationale Kampagnen, neue Marktbearbeitung und gezielte Initiativen in schwächeren Monaten sind Teil der aktuellen Strategie. Und dennoch zeigt sich in der betrieblichen Realität ein anderes Bild: Die Saisonen werden nicht breiter. Sie werden spitzer.
Für viele Betriebe entsteht aktuell eine schwierige Situation. Denn die notwendigen Kraftanstrengungen sind zwar vorhanden – sie kommen aber in der betriebswirtschaftlichen Realität noch nicht ausreichend an. Genau dort jedoch entscheidet sich, ob Strategien funktionieren oder nicht.
Die neue Realität im Winter: Konzentration statt Verteilung
Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt eine klare Entwicklung:
- Jänner und Februar bleiben stabil, bzw. teilweise sogar überlastet
- Der März verliert zunehmend an Nachfrage
Das ist kein kurzfristiger Ausreißer, sondern ein struktureller Trend: Die Nachfrage konzentriert sich immer stärker auf Ferienzeiten und Peak-Phasen. In diesen Wochen arbeiten viele Betriebe bereits am Limit (personell wie organisatorisch). Gleichzeitig entstehen davor und danach Leerläufe, die wirtschaftlich immer schwerer zu kompensieren sind.
Der März als systemisches Problem
Gerade der März ist dabei besonders interessant und gleichzeitig besonders problematisch. Denn eigentlich bringt dieser Monat alles mit, was ein starkes touristisches Produkt braucht:
- längere Tage
- meist stabile Wetterlagen
- angenehme Temperaturen
- hohe Aufenthaltsqualität
Und dennoch verliert er an Relevanz. Der klassische Sonnenskilauf (lange Zeit ein Markenzeichen des alpinen Winters) gerät zunehmend unter Druck. Viele Betriebe schließen inzwischen bereits vor Ostern, obwohl die Bedingungen am Berg oft noch hervorragend wären. Das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht besonders kritisch. Denn der März war historisch Teil der Kernsaison und kein Randmonat.
Dass selbst diese Phase inzwischen so stark schwächelt, ist ein deutliches Warnsignal.
Zahlen, die man ernst nehmen sollte
Die Entwicklung lässt sich auch klar in den Nächtigungszahlen ablesen.
Ostern Ende März (Vergleich 2024 vs. 2018)
- Tirol: –14,6 % (von rund 6,3 Mio. auf 5,4 Mio.)
- Salzburg: –14,6 % (auf rund 3,0 Mio.)
Ostern im April (Vergleich 2025 vs. 2019)
- Tirol: –17,7 % (von rund 6,0 Mio. auf 5,0 Mio.)
- Salzburg: –13,0 % (auf rund 2,7 Mio.)

Auffällig dabei: Die Rückgänge im März sind signifikant – unabhängig von der Osterlage. Gleichzeitig bleiben Jänner und Februar weitgehend stabil. Die Wintersaison konzentriert sich also zunehmend auf wenige Wochen. Und genau das widerspricht dem Ziel eines funktionierenden Ganzjahrestourismus.
Warum das auch wirtschaftlich relevant ist
Der Winter ist nach wie vor das wirtschaftliche Rückgrat vieler alpiner Betriebe.
Er finanziert Investitionen, Angebotsweiterentwicklungen und oft auch die Transformation in Richtung Ganzjahresbetrieb In vielen klassischen Zweisaison-Destinationen stammen rund 70 % des bilanziellen Erfolgs aus dem Winter.
Wenn sich diese Wertschöpfung jedoch auf immer kürzere Zeiträume konzentriert, entstehen mehrere Risiken:
- steigender Kostendruck durch Spitzenbelastung
- ineffiziente Personalstrukturen
- sinkende Planbarkeit
- geringere Resilienz des Gesamtsystems
Parallel dazu stehen Betriebe vor immer grundsätzlicheren Entscheidungen:
- Lohnt es sich überhaupt noch, im Sommer offen zu halten?
- Ist eine temporäre Schließung wirtschaftlich sinnvoller?
- Wie lassen sich Personalmodelle langfristig stabil gestalten?
Dadurch verschärft sich ein bekanntes Problem: Mitarbeiter werden weiterhin in saisonale Arbeitslosigkeit geschickt – während gleichzeitig politisch längere Beschäftigungszeiträume gefordert werden.
Diese Spannungsfelder zeigen klar: Ganzjahrestourismus ist nicht nur eine Frage des Marketings, sondern vor allem eine betriebswirtschaftliche Herausforderung.
Was jetzt notwendig ist
Wenn man den März wieder stärken will, reicht es nicht, auf bestehende Maßnahmen zu verweisen. Es braucht eine gezielte, koordinierte Kraftanstrengung.
- Klare Positionierung des März: Der März darf nicht mehr als „Nachsaison“ gedacht werden. Er muss als eigenständiges Qualitätsprodukt positioniert werden.
- Angebotsentwicklung mit klarem Fokus: Viele Betriebe bieten im März de facto das gleiche Produkt wie im Februar – nur günstiger. Das greift zu kurz.
- Marketing mit „Lichtfaktor 50“: Der März hat ein starkes Asset: Licht. Dieses Differenzierungsmerkmal wird aktuell noch zu wenig genutzt.
- Aktive Steuerung statt reiner Hoffnung: Ganzjahrestourismus entsteht nicht von selbst. Er ist das Ergebnis gezielter Steuerung entlang von Angebot, Preis und Kommunikation.
Es passiert bereits mehr, als sichtbar ist
Gleichzeitig ist es wichtig festzuhalten: Die Problematik ist erkannt und es wird daran gearbeitet. Die Österreich Werbung setzt seit einiger Zeit verstärkt auf:
- internationale Marktbearbeitung
- gezielte Kampagnen in schwächeren Monaten
- neue Angebotslogiken und Produktentwicklungen
Ein wesentlicher Punkt dabei: Viele dieser Aktivitäten sind international ausgerichtet und damit im Inland weniger sichtbar. Zudem ist klar: Der Sonnenskilauf allein wird die Zukunft des März nicht sichern. Es braucht zusätzliche Konzepte und eine breitere Positionierung des Winters.
Warum die Herausforderung trotzdem bleibt
Trotz dieser Bemühungen bleibt eine zentrale Erkenntnis: Nachfrage lässt sich nur begrenzt steuern. Ferienzeiten, Reisegewohnheiten und gesellschaftliche Routinen setzen klare Rahmenbedingungen. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, was getan wird, sondern auch, wo Maßnahmen tatsächlich Wirkung entfalten können.
Braucht es überhaupt überall Ganzjahrestourismus?
Bei aller Diskussion rund um den März stellt sich eine grundlegendere Frage: Braucht es tatsächlich in jeder Region und zu jeder Zeit einen funktionierenden Ganzjahrestourismus?
Die Realität ist differenziert: Es gibt Monate und Zeiträume, die strukturell schwach sind – und möglicherweise auch bleiben werden. Der Versuch, diese Phasen künstlich zu beleben, führt oft zu:
- wirtschaftlich fragwürdigen Investitionen
- Preisdruck
- steigender Komplexität
- und unklarer Positionierung
Ganzjahrestourismus darf daher nicht zum Selbstzweck werden. Die zentrale Frage lautet: Wo macht er Sinn – und wo nicht?
Fazit: Der März ist der Lackmustest
Der März zeigt exemplarisch, wo die aktuellen Herausforderungen liegen. Er macht sichtbar, ob es gelingt, Nachfrage zu lenken, Angebote zu differenzieren und Saisonen aktiv zu gestalten. Gleichzeitig zeigt er aber auch die Grenzen des Systems. Es wird bereits intensiv an Lösungen gearbeitet. Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob genug getan wird, sondern vielmehr, wo diese Maßnahmen tatsächlich greifen können.
Und daraus ergibt sich eine zentrale Erkenntnis: Ganzjahrestourismus ist kein universelles Erfolgsmodell. Nicht jede Region braucht zwölf starke Monate. Aber jede Region braucht eine klare betriebswirtschaftliche Antwort darauf, welche Monate sie wirklich stark machen will – und welche nicht.
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