Weniger Komplexität, mehr Klarheit – wohin sich die Hotellerie bewegt
Der ÖHV-Hotelkongress 2026 hat Anfang Jänner in Linz mit großer Strahlkraft begonnen. Über 600 Teilnehmer:innen aus Hotellerie, Tourismuspolitik, Wirtschaft und Medien kamen im Design Center Linz zusammen. Bereits in den ersten Gesprächen vor Ort wurde deutlich: Die Branche sucht keine neuen Schlagworte, sondern praktikable Antworten auf reale Herausforderungen.
Das Leitthema „einfach(er) machen“ war dabei mehr als ein Motto. Es zog sich konsequent durch alle drei Kongresstage – als Forderung nach Entbürokratisierung, als Wunsch nach klareren Rahmenbedingungen und als Plädoyer für eine Hotellerie, die sich wieder stärker auf das Wesentliche konzentrieren kann: Gastgeberqualität, wirtschaftliche Stabilität und zukunftsfähige Betriebe.
Gerade für familiengeführte Hotels, Ferienhotels und Resorts – das Rückgrat des österreichischen Tourismus – war diese Grundstimmung spürbar. In vielen Gesprächen ging es weniger um Visionen im luftleeren Raum, sondern um die Frage, wie unter zunehmend komplexen Bedingungen überhaupt noch gestaltbarer unternehmerischer Spielraum bleibt.
ÖHV-Hotelkongress: Auftakt mit Klartext statt Symbolpolitik
Die Eröffnung des ÖHV-Hotelkongresses setzte früh ein klares Signal. Moderiert von Corinna Milborn, wurde der Ton sachlich, kritisch und konsequent lösungsorientiert gesetzt. Die Begrüßung durch Walter Veit und Oberösterreichs Wirtschafts- und Tourismuslandesrat Markus Achleitner unterstrich die Bedeutung des Standorts Linz – nicht nur als Kongressstadt, sondern als Symbol für einen Tourismus, der sich weiterentwickeln will und muss.
Walter Veit machte gleich zu Beginn deutlich, dass die hohe Beteiligung kein Zufall ist, sondern Ausdruck eines enormen Gesprächs- und Handlungsbedarfs in der Branche. Mit mittlerweile rund 1.750 freiwilligen Mitgliedsbetrieben zeige sich, dass Interessenvertretung dann funktioniert, wenn sie praxisnah agiert und reale Probleme adressiert. Veit sparte dabei nicht mit klaren Worten: Der Tourismus sei eine Industrie und brauche entsprechend planbare Rahmenbedingungen – etwa bei Energiepreisen, die weiterhin ein massiver Kostenfaktor seien. Zusätzliche Belastungen wie Ortstaxenerhöhungen oder die Trinkgeldpauschale träfen Betriebe empfindlich, Grundsteuererhöhungen dürften aus seiner Sicht „niemals kommen“. Auch populistische Vorschläge wie künstlich billige Speisen in der Gastronomie wies er entschieden zurück: Angesichts steigender Kosten und zunehmender Gastrokonkurse sei das eine „Schnapsidee“. Sein Appell war unmissverständlich: Der Plan T dürfe keine Vision bleiben, sondern müsse endlich Wirkung entfalten. Oder, wie er es selbst zusammenfasste: „Lasst uns machen – und es einfacher machen.“
Sehr deutlich wurde auch Walter Veits Position zur immer wiederkehrenden Kritik an saisonaler Beschäftigung. Saisonale Schwankungen seien kein spezifisches Tourismusproblem, sondern ein Grundprinzip der Wirtschaft. Der entscheidende Hebel liege in der Saisonverlängerung – durch Investitionen in Wellness, Kulinarik, Kultur und Ganzjahresangebote. Dort, wo Betriebe diesen Weg konsequent gegangen sind, zeigt sich: mehr Stabilität, bessere Arbeitsbedingungen und höhere regionale Wertschöpfung.
Markus Achleitner stellte in seinem Beitrag die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für Oberösterreich in den Mittelpunkt: Mit über 40.000 Arbeitsplätzen und knapp acht Milliarden Euro Wertschöpfung habe sich die Branche gerade in Krisenzeiten als „Fels in der Brandung“ erwiesen. Gleichzeitig positionierte er Oberösterreich als Praxisbeispiel für Entbürokratisierung – etwa durch die Zusammenlegung von über 100 Tourismusverbänden auf sieben schlagkräftige Organisationen sowie die Einführung einer „Sunset Legislation“, bei der Gesetze automatisch auslaufen, wenn sie nicht aktiv verlängert werden. Bei aller notwendigen Kritik, so Achleitner, müsse auch anerkannt werden, was bereits gelungen sei. Sein augenzwinkernder Vergleich – „Es gibt Ärzte und Oberärzte. Und es gibt Österreich und Oberösterreich“ – brachte diese Haltung pointiert auf den Punkt und unterstrich den Anspruch, mit entschlossenem Handeln auf Landesebene Vorbild für den Bund zu sein.
Politik & Gesetze: Warum „einfach“ oft das Schwierigste ist
Einen der prägendsten inhaltlichen Impulse lieferte Wolfgang Peschorn mit seinem Referat „Politik & Gesetze – einfach(er) machen“. Peschorn, seit rund 20 Jahren Präsident der Finanzprokuratur – jener Institution, die immer dann zum Zug kommt, wenn Gesetze mehrere Auslegungen zulassen und rechtliche Klarheit fehlt –, brachte damit eine Perspektive auf die Bühne, die im tourismuspolitischen Diskurs selten so offen formuliert wird.
Sein Ausgangspunkt war grundlegend: Der Staat sei keine abstrakte Macht, sondern die Organisation der Gesellschaft, die ihn gewählt hat. „Wenn wir sagen: Das soll der Staat machen, dann heißt das in Wahrheit: Das müssen wir machen.“ Gesetze müssten daher für alle klar und verständlich sein. Niemand wolle Regeln, die nicht eingehalten werden können – ebenso wenig wie eine Flut an Vorschriften, die sich gegenseitig widersprechen oder lähmen.
Besonders eindrücklich war sein Bild des österreichischen Staates: ein sorgfältig gebautes Gründerzeithaus aus dem 19. Jahrhundert – drei Stockwerke, schöne Fassade, von außen durchaus beeindruckend. Innen jedoch zunehmend reparaturbedürftig, überladen und nicht mehr aufgeräumt. Diese Metapher zog sich durch seinen gesamten Vortrag und passte auch auf die Entwicklung der Normenlandschaft: Von rund 8.000 Baunormen um die Jahrtausendwende sei man heute bei über 50.000 angelangt. Für Hotelbetriebe, die investieren, umbauen oder neue Angebote entwickeln wollen, bedeutet das nicht nur steigende Kosten, sondern massive Rechtsunsicherheit. Innovation werde so nicht unterstützt, sondern ausgebremst.
Peschorns zentraler Appell war entsprechend klar: Gesetze müssen verständlich, einheitlich und vollziehbar sein – und vor allem zu Ende gedacht, bevor sie in Kraft treten. Prozesse dürften nicht erst in der Praxis „repariert“ werden. Gerade aus der Förderpraxis der vergangenen Jahre lasse sich lernen, wie teuer Unklarheit und mangelnde Abstimmung für Betriebe wie für den Staat selbst werden können.
Polit-Talk: Entbürokratisierung zwischen Anspruch und Realität
Im anschließenden Polit-Talk diskutierten Elisabeth Zehetner, Sepp Schellhorn und Wolfgang Peschorn unter der Moderation von Corinna Milborn über konkrete Wege aus dem Bürokratiedschungel. Die Diskussion blieb sachlich, war stellenweise pointiert und zeigte deutlich, wie eng Entbürokratisierung mit grundlegenden wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen verknüpft ist.
Sepp Schellhorn machte klar, dass leistbares Bauen und Wohnen nur dann möglich seien, wenn man bei Gesetzen und Bauordnungen ansetze. Die Analyse liege längst vor – über 113 konkrete Deregulierungsmaßnahmen seien ausgearbeitet –, nun gehe es um Umsetzung, Mut zur Vereinfachung und auch um die Bereitschaft, Strukturen zu schließen oder neu zu denken. Dabei sprach er von einer notwendigen „Tourismusgesinnung“ und einer Aufwertungsbilanz, die Qualität fördert statt bloß Quantität verwaltet. Gleichzeitig verwies er auf die Bedeutung einer stabilen gesellschaftlichen Mitte, die es zu schützen gelte – auch durch einen gestärkten Qualitätsjournalismus.
Elisabeth Zehetner lenkte den Fokus auf Wertschöpfung als zentrale Messgröße künftiger Tourismuspolitik. Gute Nächtigungszahlen allein reichten nicht, entscheidend sei, was tatsächlich im Land und in den Betrieben hängen bleibe. Entsprechend brauche es neben Maßnahmenkatalogen auch eine klare Vision – etwa mit der Weiterentwicklung von „Vision T“. Themen wie Energiepreise, Lohnnebenkosten und Entbürokratisierung nannte sie als zentrale Stellschrauben. Klar positionierte sie sich zudem gegen populistische Eingriffe: „Es wird keinen Schnitzel-Deckel geben.“
Die ÖHV brachte diese Diskussion im Nachgang auf den Punkt und formulierte vier klare Schritte:
- rasche Umsetzung bestehender Maßnahmen im Entbürokratisierungspaket,
- personelle Stärkung der Deregulierung,
- laufende neue Projekte
- und ein verpflichtender Praxischeck früh im Gesetzgebungsprozess.
Die Probleme sind bekannt – jetzt geht es um Konsequenz im Handeln!
Der zweite Tag am ÖHV-Hotelkongress: Klarheit, Technologie und Führung
Der erste vollständige Kongresstag vertiefte diese Themen und erweiterte sie um neue Perspektiven. Was auffiel: Die Diskussionen drehten sich weniger um Technik an sich, sondern um den richtigen Umgang mit Komplexität.
Walter Veit brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt: „Nicht mehr die Pandemie, sondern Bürokratie hoch drei ist das größte Problem der Branche.“ Gemeint ist nicht nur die Menge an Vorschriften, sondern deren mangelnde Praxistauglichkeit, fehlende digitale Anschlussfähigkeit und der enorme Dokumentationsaufwand.
Mit der „Young Talents Stage“, auf der 14 Tourismusschulen vertreten waren, setzte die ÖHV bewusst einen Kontrapunkt: Zukunftssicherung beginnt nicht bei Förderprogrammen, sondern bei echten Begegnungen zwischen Betrieben und Nachwuchs.
KI, Psychologie und der Mensch im Mittelpunkt
Einen differenzierten Zugang zu Künstlicher Intelligenz lieferte Martina Mara. Ihre zentrale These: KI scheitert selten an der Technik, sondern an fehlendem Verständnis für menschliche Wahrnehmung. Menschen schreiben Maschinen Eigenschaften zu, entwickeln Vertrauen – oder Übervertrauen.
Gerade im Tourismus ist das relevant. KI wird zunehmend zum Reise- und Urlaubsberater. Hotels müssen daher dort sichtbar sein, wo Entscheidungen vorbereitet werden – etwa über Bewertungen, Inhalte und digitale Präsenz. Gleichzeitig warnte Mara vor unkritischer Nutzung: Systeme wirken kompetent, liegen aber regelmäßig falsch. Ziel müsse ein bewusst kalibriertes Vertrauen sein.
Zukunft gestalten statt erleiden
Mit einem starken Perspektivwechsel forderte Harry Gatterer dazu auf, Zukunft nicht als Bedrohung, sondern als Gestaltungsraum zu begreifen. Nicht jedes Hotel brauche dieselbe Zukunft, wohl aber eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle.
Der gemeinsam mit der ÖHV entwickelte „Zukunftspuls“ zeigte, wie unterschiedlich Betriebe heute positioniert sind – von reiner Leistungsorientierung bis hin zu Regeneration und Neuausrichtung. Entscheidend sei die innere Arbeit: Welche Zukunft ist für meinen Betrieb möglich und sinnvoll?
Führung braucht Klarheit
Eine sehr menschliche und zugleich unmittelbar übertragbare Perspektive brachte Viktoria Schnaderbeck ein. Die ehemalige ÖFB-Teamkapitänin machte deutlich, dass Erfolg kein linearer Zustand ist, sondern eine Reise mit Rückschlägen, Brüchen und Lernphasen. Entscheidend sei nicht, ob Krisen auftreten, sondern wie Teams und Führungspersönlichkeiten mit ihnen umgehen. Gerade in schwierigen Momenten zeige sich, ob Klarheit, Vertrauen und echter Zusammenhalt vorhanden sind.
Im Zentrum ihres Vortrags stand die Bedeutung von Klarheit: Klarheit über die gemeinsame Vision, über Rollen im Team und über Erwartungen aneinander. Schnaderbeck betonte, dass alle Rollen – auch jene abseits der Bühne – gleichwertig sind und Respekt auf Augenhöhe brauchen. Offene, ehrliche Kommunikation, die auch Konflikte zulässt, sei kein Risiko, sondern Voraussetzung für nachhaltige Leistungsfähigkeit. Ihr prägnanter Leitsatz „Klarheit schlägt Harmonie“ blieb dabei besonders hängen.
Für die Hotellerie, die stark von Teamleistung, Saisonspitzen und emotional anspruchsvollen Arbeitssituationen geprägt ist, war dieser Beitrag ein eindringlicher Appell: Führung bedeutet Haltung, Verantwortung und menschliche Präsenz – nicht nur Organisation und Dienstpläne. Eine gelebte Fehlerkultur, in der aus Rückschlägen gelernt wird, schafft Resilienz. Oder wie Schnaderbeck es formulierte: Widerstand bricht schwache Teams, formt aber die stärksten.
Abschlusstag: Zukunft, Simplicity und der Luxus von morgen
Der Abschlusstag stand ganz im Zeichen von Zukunft und Vereinfachung. Nikolaus Skene beschrieb die aktuelle Phase als Zustand der Liminalität – einen Schwebezustand zwischen alten und neuen Systemen. Die Hotellerie müsse lernen, mit Ambiguität umzugehen und hybride Konzepte zu entwickeln.
Matthias Winkler zeigte am Beispiel der Sacher Gruppe, wie Digitalisierung und Human Touch zusammenspielen können. Technik ermögliche Individualisierung, ersetze aber niemals echte Gastfreundschaft. Entscheidend sei, Mitarbeitende mitzunehmen und Markenwerte erlebbar zu machen.
In der Paneldiskussion mit Thomas Kendlbacher und Teresa Brinckmann wurde deutlich, wie unterschiedlich Simplicity interpretiert werden kann – als radikale Reduktion oder als bewusste Konzentration auf Echtheit.
Emotional abgeschlossen wurde der Kongress von Greta Silver, die Lebensfreude, Eigenverantwortung und Dankbarkeit als bewusste Entscheidung und strategische Ressource beschrieb. Sie zeigte eindrücklich, wie stark Gedanken unsere Wahrnehmung und unser Handeln prägen, warum Jammern Energie bindet statt Lösungen zu schaffen und weshalb Führung – im Unternehmen wie im eigenen Leben – immer bei der Verantwortung für das eigene Glück beginnt. Mit viel Klarheit plädierte sie dafür, den Blick aktiv auf Möglichkeiten zu lenken, Wertschätzung zu leben und das Leben als „Vollversion“ zu gestalten – eine Haltung, die gerade in herausfordernden Zeiten Orientierung und Kraft geben kann.
Fazit: Klarheit als strategischer Wettbewerbsvorteil
Der ÖHV-Hotelkongress 2026 in Linz war kein Event der schnellen Antworten. Er war ein ehrlicher Spiegel einer Branche, die unter hoher Komplexität leidet – und gleichzeitig enormes Gestaltungspotenzial besitzt. Entbürokratisierung, sinnvoll eingesetzte Technologie, klare Führung und bewusste Zukunftsarbeit sind keine Einzelthemen, sondern eng miteinander verknüpft.
Die zentrale Erkenntnis aus drei intensiven Tagen und vielen Gesprächen vor Ort: Zukunft entsteht dort, wo Betriebe den Mut haben, Komplexität zu reduzieren und Klarheit zu schaffen – nach innen wie nach außen.
Mit dem Ausblick auf den nächsten ÖHV-Kongress 2027 im Festspielhaus Bregenz bleibt das Signal klar: Der Dialog geht weiter. Und er wird gebraucht.


