Warum Tourismusbetriebe 2026 auf Fokus im Nachhaltigkeitsbereich setzen sollten
Nachhaltigkeit hat sich im Tourismus von einem Zusatzthema zu einem zentralen Steuerungsinstrument entwickelt. Für 2026 wird deutlich: Es geht nicht mehr um Absichtserklärungen oder formale Erfüllung von Vorgaben, sondern um wirksame, wirtschaftlich verankerte Maßnahmen, die Betriebe resilienter, planbarer und wettbewerbsfähiger machen. Der entscheidende Hebel dabei ist Fokus – auf jene Nachhaltigkeitsthemen, die für den eigenen Betrieb tatsächlich relevant sind.
Vom Berichtsrahmen zur Betriebslogik
In den letzten Monaten hat sich (unter anderem im Zuge der EU-Omnibus-Initiativen) eine Reduktion und Vereinfachung von Berichtspflichten sowie formaler Dokumentation abgezeichnet. Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, der Druck im Nachhaltigkeits- und ESG-Bereich lasse nach. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch das Gegenteil.
Der Fokus verschiebt sich weg von der reinen Berichterstattung hin zu den tatsächlichen Aktivitäten im Betrieb. Für Tourismusunternehmen rücken damit jene Fragen ins Zentrum, die ohnehin eng mit dem wirtschaftlichen Erfolg verknüpft sind:
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Umgang mit Klimarisiken und Extremwetterereignissen
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Entwicklung von Energiepreisen und Versorgungssicherheit
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Wasserverfügbarkeit und Ressourceneffizienz
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Mitarbeiterbindung und Fachkräftesicherung
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Stärkung regionaler Wertschöpfung
Nachhaltigkeit wird damit Teil der operativen und strategischen Entscheidungslogik. Genau diesen Perspektivenwechsel hat auch Josef May bereits in einem SmartHotelKey-Interview zu Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil hervorgehoben: Nachhaltigkeit entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Bestandteil unternehmerischer Steuerung verstanden wird.
ESG-Ziele wirken, wenn sie ökonomisch verankert sind
Richtig gesetzte Nachhaltigkeits- und ESG-Ziele sichern und unterstützen das Geschäftsmodell. Investitionen in Energieeffizienz, erneuerbare Energien oder intelligente Gebäudeleittechnik reduzieren Abhängigkeiten von Preissprüngen und Versorgungsrisiken und erhöhen die Planungs- und Kalkulationssicherheit.
In der Praxis zeigt sich deutlich, dass wirtschaftlich erfolgreiche Betriebe häufig auch bei Energie- und CO₂-Kennzahlen über dem Branchendurchschnitt liegen. Nachhaltigkeit ist hier also kein Kostentreiber, sondern ein Effizienz- und Stabilitätsfaktor.
Auch im sozialen Bereich wird der ökonomische Nutzen sichtbar. Arbeitgeberqualität, Ganzjahresbeschäftigung, faire Entlohnung und Entwicklungsmöglichkeiten wirken direkt auf Mitarbeiterbindung und Teamstabilität. Geringere Fluktuation bedeutet weniger Rekrutierungs- und Einschulungskosten, höhere Servicequalität und bessere Gästebewertungen – Faktoren, die sich unmittelbar auf Umsatz und Stammgästeanteil auswirken.
Diese Zusammenhänge greift auch das Interview mit Josef May auf: Nachhaltigkeit wird zum Wettbewerbsvorteil, wenn sie messbar zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit beiträgt – nicht, wenn sie losgelöst vom Kerngeschäft betrieben wird.
Fokus statt Überforderung: Die Kunst der richtigen Auswahl
Viele Nachhaltigkeitsstrategien scheitern nicht am fehlenden Willen, sondern an Überfrachtung: zu viele Themen, zu viele Ziele, zu wenig Priorisierung. Der Versuch, alle Nachhaltigkeitsaspekte gleichzeitig zu bearbeiten, führt in der Praxis häufig zu Aktionismus ohne nachhaltige Wirkung.
Dabei ist es für Tourismusbetriebe weder notwendig noch sinnvoll, den gesamten Themenkatalog abzudecken. Entscheidend ist, jene Handlungsfelder zu identifizieren, die für den eigenen Betrieb wesentlich sind. Hierfür braucht es strategische Klarheit.
Ein bewährtes Instrument ist die Wesentlichkeitsanalyse. Sie bewertet Nachhaltigkeitsthemen aus zwei Perspektiven:
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Welche Auswirkungen hat der Betrieb auf Umwelt und Gesellschaft?
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Welche externen Nachhaltigkeitsthemen beeinflussen den wirtschaftlichen Erfolg (z. B. Klimawandel, Regulierung, Arbeitsmarkt)?
Im Zusammenspiel dieser Perspektiven werden Prioritäten sichtbar. Daraus entstehen klare Schwerpunkte – etwa regionale Kulinarik, attraktive Arbeitsplätze oder eine CO₂-neutrale Infrastruktur. Diese Schwerpunkte lassen sich individuell auf Gästestruktur, finanzielle Spielräume und regionale Rahmenbedingungen abstimmen.
Status quo kennen und realistische Ziele formulieren
Auf Basis der priorisierten Handlungsfelder beginnt die eigentliche Arbeit: Ziele so zu formulieren, dass sie ambitioniert, aber erreichbar sind. Ausgangspunkt ist immer der Status quo. Dieser sollte idealerweise über einen strukturierten Fitness-Check erhoben werden – mit Kennzahlen zu:
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Umsatz- und Kostenstruktur
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Energie- und Wasserverbrauch
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Abfallmengen
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Personalstruktur und Fluktuation
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regionaler Wertschöpfung
Wer weiß, wo der eigene Betrieb im Vergleich zu ähnlichen Unternehmen steht, kann faktenbasierte Entscheidungen treffen. Liegt etwa der Energieverbrauch pro Nächtigung im Branchendurchschnitt, während der Anteil regionaler Lieferanten deutlich darunter liegt, ergibt sich ein klares Handlungsfeld (ohne Überforderung).
Das bildet die Grundlage für ein langfristiges Zielbild im ESG-Bereich. Für jedes relevante Handlungsfeld können konkrete Ziele über unterschiedliche Zeithorizonte definiert werden:
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kurzfristig (1 Jahr): operative Verbesserungen
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mittelfristig (5 Jahre): strukturelle Anpassungen
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langfristig (10 Jahre): strategische Zielbilder
Messbare Kennzahlen, klare Verantwortlichkeiten und umsetzbare Maßnahmen sichern die Zielerreichung und machen Nachhaltigkeit steuerbar.
Nachhaltigkeit wirksam im Betrieb verankern
Am Ende geht es nicht darum, Nachhaltigkeit mit möglichst vielen Zielen und Maßnahmen zu überfrachten. Entscheidend ist, sie so im Betrieb zu verankern, dass sie im Alltag wirkt. Wer die relevanten Handlungsfelder identifiziert und passende ESG-Ziele ableitet, bündelt Ressourcen, reduziert Risiken und schafft wirtschaftlichen Mehrwert.
Oder anders gesagt: Angemessen ambitionierte Nachhaltigkeitsziele wirken – weil sie getragen und umgesetzt werden.
Fazit zur Nachhaltigkeit 2026
2026 wird für Tourismusbetriebe ein Jahr, in dem Klarheit und Priorisierung entscheidend sind. Weniger formale Berichtspflichten bedeuten nicht weniger Verantwortung, sondern mehr Raum für Wirkung. Nachhaltigkeit entfaltet ihren Wert dort, wo sie Teil der Betriebslogik ist – fokussiert, messbar und wirtschaftlich sinnvoll. Wer diesen Weg konsequent geht, stärkt Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit.
- Auch im TP-Blog ist ein Artikel dazu erschienen


